Felix Gutzwiller: «Ich bin ein grosser Verfechter des Milizsystems»

Er gibt mir noch eine E-Mail durch: «Vergiss die ID nicht!»

Pass? Für einen Trip von Adelboden nach Bern?

Nun gut. Man kann sagen, dass der Besuch des Bundeshauses immer eine Reise ins Unbekannte ist.

Dann Kopfzerbrechen: Was zieht man da überhaupt an? Ich meine: Bei der Königin waren Hut und Handschuhe Vorschrift.

Im Vatikan: kein Flecklein nackte Haut!

Im Bundeshaus?

Ich wähle Rollkragenpullover und Stiefel. Später muss ich feststellen: Das war daneben. 90 Prozent der Parlamentarier tragen Tailleurs. Oder Krawatte.

Es ist nicht ganz einfach, ins Bundeshaus zu kommen. Für Parlamentarier schon. Aber fürs gemeine Volk?

Sie durchsuchen meine Mappe.

Sie klopfen mich ab.

Dann darf ich durchs Durchleuchtungs-Gate. Schliesslich lächeln die Security-Männer in ihren Pumphosen und den Panzerkitteln in der Farbe eines ausgelaufenen Kugelschreibers zuvorkommend: «Beim Bären müssen Sie die ID abgeben!»

Identität haben im Bundeshaus nur die Parlamentarier. Und ihre Zeitungsschreiber. Der kommune Mensch ist namenlos.

Ich gehe nochmals meine Notizen durch.

Viele sagen: Gutzwiller ist der beste Basler Exportartikel.

Ich kenne Felix aus der Jugendzeit. Sein Vater war Rektor. Heute trägt die über 400 Jahre alte Schule den seltsamen Namen «Gymnasium am Münsterplatz» – zur Zeit von Rektor Gutzwiller wars einfach das HG. Eine Basler Institution für höhere Weihen.

Mutter Gutzwiller hat am «Affenkasten» (so nannte man damals das Mädchengymnasium der Stadt) unterrichtet. Französisch. Und Deutsch. Eine beliebte Lehrerin (Felix: «Die Schülerinnen besuchen sie noch heute im Altersheim.»)

Die Gutzwillers also haben ein bisschen Stadtgeschichte geschrieben. Der Vater war Verfassungsrat («seine einzige politische Tätigkeit»). Und Stephan Gutz­willer, ein Urahne, hat den Kanton gespalten («Ein früher Zweig hat es getrennt – wir möchten es wieder zusammenbringen!» – so der Zürcher Ständerat mit dem Basler Dialekt).

Das Curriculum Vitae ist eine Überraschungsbombe an Highlights:

– Medizinstudium in Basel

– Harvard University in Boston (Master of public Health)

– Johns Hopkins University in ­Baltimore (Doktor-Abschluss)

– Direktor an den Instituten für Sozial- und Präventivmedizin in Lausanne, dann Zürich

– Professor und Lehrbeauftragter für Humanernährung an der ETH

Ich muss Luft holen – aber da steht er auch schon auf der grossen Freitreppe (ein bisschen wie Johannes Heesters beim Auftritt «Heut gehn wir ins Maxim!»).

Gutzwiller ist ein Strahlemann, ein Charmepaket und dazu der Rund-um-die-Uhr-Krampfer, der das Wort «Burn­out» und «Workaholic» nicht kennt:

«Ich war schon immer ein grosser Arbeiter – das fängt um 7 Uhr morgens im Zug an. Aber wenn man das Privileg hat, all das tun zu dürfen, was man gerne macht, und wozu man sich berufen fühlt, dann fallen Fragen wie ‹Burn out?› oder ‹ausgeglüht?› einfach weg.»

Wir gehen als Erstes in die Wandelhalle. Bundeshausreporter stehen hier herum wie sitzen gelassene Bräute. Ihre Mikrofone, die sie in den Händen drehen, erinnern an vergammelte Brautsträusse.

Einer kommt auf Gutzwiller zu: «Können wir morgen? Eine Viertelstunde?»

«Ich muss in die ‹Arena›», raunt der Zürcher Ständerat mir zu.

Die «Arena» ist das «Helvetien-sucht-den-Superstar»-Podium der einheimischen Politik.

Schon stehen wir im Café.

An den Wänden überträgt ein Bildschirm, was Herr Berset im Saal so redet. Keiner hört zu. Die Meinungen sind eh gemacht – der Fernseher zeigt an, wann Votingtime ist. Dann lassen alle das Espressotässchen stehen – jagen an die Pültchen. Und drücken ihre Stimmen ab.

«Im Ständerat läuft alles ein bisschen ruhiger, getragener», lächelt Gutzwiller, «irgendwie gemütlicher.»

2007 ist er da hineingewählt worden. Vier Jahre später holte er die höchste Stimmenzahl, die ein Zürcher Ständerat je erzielt hatte.

«Wer die Sache wirklich ernst nimmt, braucht als Ständerat mindestens zwei bis drei Tage pro Woche für Bern. Das sind rund 70 Sessionstage im Jahr. Dann die Sitzungen. Die Besprechungen in den verschiedenen Kommissionen …»

… und daneben noch die Professur an der Uni, der Job als Institutsleiter für Sozial- und Präventivmedizin in Zürich!

«Also, da bin ich ja jetzt pensioniert. Aber es war eine Doppelbelastung. Klar. Dennoch bin ich ein grosser Verfechter des Milizsystems. Es bringt einfach eine Stufe, eine Dimension mehr – ein Berufsparlament lebt in seiner eigenen Welt. Die SVP spricht zwar immer von der ‹Classe politique› im Bundeshaus – aber wenn ich dann jeweils morgens im Zug sitze und alle meine Kolleginnen und Kollegen von allen Berufsschichten sehe, wie sie mit dem Rollköfferchen in Bern aussteigen, dann bin ich stolz auf unser Parlament. Und auf unser System.»

Er führt uns ins Restaurant des Bundeshauses. Es hatte früher einen schlechten Namen. Wurde nun umgebaut. Und wirkt irgendwie helvetisch hipp.

«Geführt wird es vom Zürcher Frauen­verein», grinst Gutzwiller. «Die Berner waren natürlich sauer. Aber das Ganze wurde ausgeschrieben. Und die Zürcher haben den Wettbewerb ­gewonnen!»

Die Bedienung ist dreisprachig. Die Menükarte relativ bescheiden. Die Weinkarte umso üppiger. Politiker lassen gerne mal den Zapfen ab …

Der Koch hat Hackbraten auf den Tagesteller gesetzt, dazu Bohnen – der Braten ist etwas flach, die Bohnen sind arg al dente. Weichgekocht wird nur im Nationalratssaal.

Für einen Gesundheitsmediziner stellt sich die Frage: «Ernährst du dich richtig?»

Gutzwiller lacht: «Ich versuche es. Gesetzt ist mein Müesli am Morgen – das bereite ich immer selber zu: Körner, Früchte, zuckerfreies Vanillejoghurt. Das hält mindestens vier Stunden an.»

Welche Früchte?

«Was die Saison bringt. Meine liebste Kombination sind Heidelbeeren und Bananen.»

Und die andern Mahlzeiten?

«Ich versuche mittags so schmal als möglich zu essen: Salat, Früchte. Das Nachtessen kocht dann Sylvie. Es ist natürlich falsch, abends viel zu sich zu nehmen. Aber da geht es uns wie den meisten: Wir geniessen diese Mahlzeit, wo wir gemütlich zusammen sind. Leider ist dafür wenig Zeit.»

Aha. Und du? Kein Hobbykoch?

«Nein. Hobby-Casserolier. Ich bin ein grossartiger Abwascher.»

Er hat spät geheiratet. Keine Kinder. Aber: «Fünf Götti-Mädchen. Und da bringe ich auch einige Zeit für sie auf. Ich korrigiere ihre Aufsätze im Internet, gebe ihnen auch mal Nachhilfestunden. Kurz: Die Mädchen sind mir sehr wichtig!»

Du hast die Drogenpolitik der Schweiz entscheidend mitgeprägt …

«… es war einfach so, dass die Menschen plötzlich überall mit der Droge und ihren Erscheinungsbildern konfrontiert waren. Da kamen die Aids-Probleme, die HIV-Ansteckungen. Die Droge kursierte auf dem Platzspitz vor den Augen aller. Die Sache wurde ein Politikum. Das Volk hat damals kapiert, dass etwas passieren musste.»

Es gab ein Konzept auf vier Säulen …

«… genau. Und darunter die kontrollierte Heroinabgabe. So wurde die Beschaffungskriminalität minimiert. Und es gibt auch kaum mehr Anschaffungsprostitution. Die Schweiz ist das einzige Land, das über diese Art der Heroinabgabe abstimmen konnte. Das ist schon sehr eindrücklich. Besonders für andere Länder. Heute kommen die Spezialisten aus allen Erdteilen hierher, um unser Projekt zu studieren.»

Und wie ist das mit Cannabis? Freiem Konsum?

«In dieser Frage sind wir noch nicht gross weitergekommen. Amsterdam beispielshalber hat die offene Abgabe wieder rückgängig gemacht. Der Hasch-Tourismus war zu gross. Und die Stadt wollte nicht als Cannabis-Metropole dastehen.»

Also bist du nicht für die offene Abgabe?

«Ja und nein. Man muss ein vernünftiges Abgabemodell für Erwachsene konzipieren. Das wäre sinnvoll. Aber der Genuss wird für ungefestigte Jugendliche problematisch. O. k. Das Problem haben wir auch mit Alkohol.»

Und selber mal gekifft?

«Nun, in den 68ern war das ja gang und gäbe. Natürlich habe ich auch einmal einen Joint versucht. Aber er zeigte bei mir keine Wirkung. Das kommt übrigens nicht selten vor. Da habe ich es gelassen!»

Und ist nun die Zucker- und Fettsteuer das Nächste?

«Nein. Ich bin weder für Steuerstrafen noch für Verbote. Jeder Mensch muss sich selber klar darüber sein, was er will. Und was nicht. Selbstverantwortung – das ist das Schlagwort. Man sollte dem Menschen nicht jede Verantwortung abnehmen – im Gegenteil. Er muss ­lernen, Verantwortung zu tragen. Denn Freiheit geht mit Verantwortung ­zusammen.»

Also keine offiziellen Zucker- und Fettsanktionen!

«Das ist Blödsinn. Wichtig ist gute Aufklärung. Hier muss man investieren – den Leuten zeigen, dass ein einziges Cola acht bis zehn Zuckerwürfel intus hat. Das kapieren sie. Ich glaube, dass Ernährungsaufklärung, also ‹wie esse ich richtig› eine Sache des Haus- wirtschafts­unterrichts wäre. Aber leider gibt es ja das Fach kaum noch. Dabei ist es immens wichtig! Gerade in der heutigen Zeit, wo auch Männer Haushaltungen führen.»

Basel?

«Da sind Kindheitserinnerungen an das Riegelhaus im Dorfkern von Arlesheim. Später sind wir in die Stadt umgezogen. Das war eine Auflage. Mein Vater arbeitete als Rektor im Stadtkanton – also musste er auch dort wohnen. War für ihn auch Ehrensache.»

Gutzwiller hat in Basel Medizin studiert. Hier abgeschlossen – und Politik?

«Nun – es herrschte noch immer ein bisschen 68er-Stimmung. Auch an der Uni. Ich habe in die verschiedensten Parteien ‹hineingehorcht›. Auch bei Ruth Mascarin, einer Arzt-Kollegin. Sie war der Kopf bei der damaligen Poch.»

Aber es wurde die FDP.

«Ja. 1972 bin ich beigetreten. Als ich dann meinen ersten Institutsvorsteher-Job in Lausanne hatte, wurde ich FDP-Gemeinderat in Belmont sur Lausanne. Das war 1985 bis 1987. 1999 gings los im Nationalrat.»

Die Basler finden, sie würden in Bern kaum wahrgenommen. Was läuft hier falsch?

«Das kann ich nicht sagen – aber sicher ist, dass der Stand Basel in Bern nicht die Bedeutung hat, die er eigentlich haben müsste und welche dieser enorm starken Region zustehen sollte.»

Du hast viele Kommissionen präsidiert, hast einen 24-Stunden-Job – wie hältst du dich da fit?

«Velofahren. Und ich gehe ins Fitness. Sehr gezielt. Da bin ich pingelig mir selber gegenüber – wenn ich mal eine Stunde ausfallen lassen muss, wird sie nachgeholt!»

Ende Jahr ist fertig lustig. Du willst nicht mehr kandidieren.

Er lacht. «Ich habe den beiden Ständeräten aus Basel-Stadt und Baselland erklärt, ich könne ja jetzt für sie antreten. In meinem Pass stehen immerhin sowohl Basel als auch Therwil als Heimatort. Sie waren leicht schockiert, bis sie merkten, dass alles ein Witz war.»

Was tust du nach dem Ständerat?

«Nun, viele kommen jetzt auf mich zu und sagen: Mach das … mach das … du hast ja jetzt Zeit! Aber eben diese Zeit möchte ich sinnvoll einteilen, möchte das Tempo herunterfahren. Ich werde sicher nicht mehr im selben Bereich arbeiten. Das habe ich jetzt gesehen. Ich möchte neue Wege gehen. Fragen zur Aussenpolitik interessieren mich immer mehr, auch kulturelle Aufgaben.»

Die Serviertochter zeigt aufs Dessert-­Angebot: ein Absinth-Parfait.

Gutzwiller nickt: «Tönt spannend. Besonders, wo Absinth doch einst verboten war. Aber die Zeiten ändern sich – und nicht nur beim Essen!»

Die Selbstverantwortung gibt der kleinen Dessertsünde Grünlicht.

Morgen dann wieder Müesli.

Samstag, 13. Juni 2015