Basler Zeitung

Anne-Käthi und ihre Welt

Anne-Käthi Sarasin wartete auf das Tram.

Sie nahm immer das Tram. Autos konnten es ihr nicht.

Im Übrigen hatte Anne-Käthi nie einen Führerschein gemacht. Zu ihrer Mädchenzeit fuhren junge Frauen n i c h t selber Auto.

DESHALB ALSO BIS HEUTE: K E I N E STRASSENKUTSCHE. Und dies: obwohl sie sich tausend Limousinen und nochmals so viele Chauffeure hätte leisten können.

Anne-Käthi Sarasin war reich. Stinkreich. Und unauffällig.

Erschienen am: 
Freitag, 15. November 2019

Von fehlenden Koffern und einem Nacktbad

Illustration: Rebekka Heeb

«Wir warten aufs Gepäck - in zwei Stunden sind wir bei dir.»

DAS IST KITTY. UND KITTY IST EINE MEINER ÄLTESTEN FREUNDINNEN.

Viele würden sie als etwas «herb» bezeichnen. Scheint aber nur so. Im Grunde genommen ist sie weich wie eine reife Pflaume. Sie gibt sich als stählerne Kratzbürste. Kenner aber merken bald: alles nur Theater. Wer sie je mit einem Krokodil schmusen sah, weiss: «Die Bürste hat ein Herz aus Gold!»

Und jetzt also: «...schlachte schon mal die Sau!»

Erschienen am: 
Dienstag, 12. November 2019

Die goldene Kutsche

Dora stand vor dem Karussell.

Schwäne tanzten an ihren leuchtenden Augen vorbei. Weisse und schwarze Pferde schwebten an einer goldenen Stange auf und ab.

Und da war auch die goldene Kutsche mit den grossen Rädern.

ALS KIND HATTE DORA STETS DAVON GETRÄUMT, IN DIESER GOLDKUTSCHE SITZEN ZU DÜRFEN.

«Gute Fahrt...», grinste der dunkle Mann mit dem Totenkopf-Tattoo. Er nahm ihren Jeton entgegen.

Langsam setzte sich das Karussell in Bewegung. Die Orgel polterte laut.

Erschienen am: 
Freitag, 8. November 2019

Von der dicken Berta, die eigentlich Paula hiess...

Illustration: Rebekka Heeb

Sie hiess Paula. Aber alle nannten sie Berta - die dicke Berta.

Ich war fasziniert von ihr. Mich schauderte vor ihrem Büstenhalter, in deren Körbchen gut drei Dutzend junge Katzen problemlos hätten spielen können. Und ich wusste nie, ob ich heulen oder grinsen sollte, wenn ihr Beinkleid hochgehalten wurde: «Das ist sie - die Unterhose der dicksten Frau der Schweiz!»

Erschienen am: 
Dienstag, 5. November 2019

Alarm auf dem Tacho...

«...und dann war da plötzlich dieses Zeichen!»

Ginette schaute von ihrem Espresso auf: «Was für ein Zeichen?»

Lea zuckte mit der Schulter: «Ach du weisst schon - plötzlich blinken da auf dem Tacho diese seltsamen Hieroglyphen auf. Und ich mitten auf der Autobahn. Dazu noch in Italien!»

«Und?» - Ginette schob sich ein Stück von der Linzer Torte rein.

«ICH BIN IN DIE SICHERHEITSSPUR GEFAHREN. UND HABE KARL ANGERUFEN. ABER DER WAR NATÜRLICH BEIM KEGELN. UND SAUER, DASS ICH IHN WEGGELOTST HABE...»

Erschienen am: 
Freitag, 1. November 2019

Von der Swissair und der besonderen Klasse...

Illustration: Rebekka Heeb

Als man mich vor drei Wochen auf dem Flughafen sitzen liess - so wie eine Colabüchse am Rheinbord, bei der auch niemand weiss, weshalb sie so eingedrückt herumliegt -, als ich den Abflug also nicht schaffte (HERRGOTT - ICH HABS IHNEN DOCH ERZÄHLT!) und alle diese gestressten Hostessen beo bachtete, die heute anders heissen und für die es noch immer keinen gendergerechten Ausdruck gibt -, als ich mir also diese Männchen und Weibchen, die wichtigtuerisch ihren Handkoffer hinter dem zu engen Flugkostüm herziehen, anschaute, da seufzte es in mir

Erschienen am: 
Dienstag, 29. Oktober 2019

Falscher Hase

Herta zwängte sich in das rosa Kleid. CHRRRRRRR. Der Reissverschluss riss.

Im Spiegel lachte ihr ein etwas zu üppiges Hinterteil aus dem aufgerissenen Stoff entgegen. «KAAARL!»

Da stand er schon. Er grinste dieses maliziöse Lächeln, das die Freuden und die Würze des Alters ausmacht: «Dein dicker Amboss, Hertilein! Das kommt von dieser Zwischendurch-Nascherei.» Selbstgefällig tätschelte er seine magere Vorderfront ab.

Erschienen am: 
Freitag, 25. Oktober 2019

Von einem privaten Kraftwerk und fast einer Heiligsprechung...

Illustration: Rebekka Heeb

Er tigert herum.

Es ist zwei Uhr in der Früh. Draussen jagen Blitze übers teerschwarze Meer, als müssten sie ein Rockkonzert der Wellen ausleuchten.

INNOCENT ABER WARTET AUF DEN EINEN, GROSSEN MOMENT: DASS DAS LICHT AUSGEHT. UND DER STROM ZUR SAU IST!

«Ist es nicht wunderbar...», flüstert er.

Seine Vorfreude geht in krachenden Donnerschlägen unter. Der Eukalyptus prescht unwillig an die Fenster. Er möchte bei diesem Sturmwind rein in die gute Stube.

Erschienen am: 
Dienstag, 22. Oktober 2019

Der Therapeut und die Hoffnung

Sepp stierte auf die Wand: aufgehellter Lila-Ton. Zwei Risse im Gemäuer. Und eine Fliege, die summend auf dem gerahmten Foto eines indischen Gurus herumspazierte.

Der Guru trug einen knielangen Bart. Und einen orangen Umhang. Der Bart war fleckig - der Umhang auch.

Sepp holte das Handy aus der Hose. Und wollte Agnes anrufen. NATÜRLICH - KEIN EMPFANG IN DIESEM REICH DER SELIGEN WELLEN!

Agnes hatte ihm vom Therapeuten vorgeschwärmt: «Amal ist gelernter Buchhalter. Dann ist die Erleuchtung über ihn gekommen... » Aha.

Erschienen am: 
Freitag, 18. Oktober 2019

Von den Jungkätzchen und «Füttern verboten!»

Illustration: Rebekka Heeb

Sie kamen über Nacht. Ohne Voranmeldung. Als wilde Gruppe.

Wie eine Meute Touristen wuselten sie herum. Und gaben Unverständliches von sich - EIN BISSCHEN TÖNTEN SIE NACH JAPANISCHEN GEISHAS, WENN DIESE AN DER LAUTE ZUPFEN.

Wir waren eben beim Frühstück. Schon machte sich die Bande frischfrech an unser Müesli. Hüpfte in der Milch herum. Und steckte die Köpfe in die Butter.

IM ÜBRIGEN WAREN DIE EINDRINGLINGE KAUM HANDGROSS. ABER SCHON DICK IM PELZ. UND DIES AN EINEM ALTWEIBER- SOMMERMORGEN!

Erschienen am: 
Dienstag, 15. Oktober 2019

Seiten

Basler Zeitung abonnieren