Basler Zeitung

Von königlichen Hunden und Zehennägeln

Illustration: Rebekka Heeb

Hotelfrau Hildegard von und zu Eisendorn – sie ist die Königin vom MERANER «Sissi-Hof» – segelt auf mich zu.

DIE GRÄFIN SEGELT IMMER.

Manchmal erinnert sie an ein Schlachtschiff, das anlegt und auf die Geldbeutel ihrer Gäste zielt.

Mitunter aber wird sie auch zu einem gemütlichen Kahn, der nach dem dritten Gläslein Sherry ins Schaukeln gerät.

Auf jeden Fall: Hildegard trägt Tracht. Immer Tracht. Sagen wirs so: trächtig prächtig.

Erschienen am: 
Dienstag, 20. November 2018

Frisierkommode

«Hans – ich brauche die Perlenkette!»

«Alles klar, Klara!»

Klara sass vor der Frisierkommode. Keine Frau sass heute mehr an einem Frisiertisch.

Klara schon.

Als Hans das alte Haus renovieren liess, als all die wunderbaren Nischen und Bögen einem geradlinigen Denken Platz machen mussten – da hatte Klara sich vor ihren Frisieraltar mit den drehbaren Spiegelflügeln gestellt: «HANS ÄNISHÄNSLI – DER HIER NUR ÜBER MEINE LEICHE!»

Erschienen am: 
Freitag, 16. November 2018

Vom Vollmond, Rilke und dem Käuzchen

Illustration: Rebekka Heeb

Nein. Nirgendwo ist der Vollmond voller als über dem Meer. SO RUNDUM VOLL! WUNDERVOLL VOLL.

Die gute alte Milchkugel macht wirklich einen guten Job. Voll geil!

ICH SCHMIEGE MICH AN INNOCENT.

O.k. Mag er nicht. ABER: GAR NICHT. Er mag überhaupt nicht, dass ich Intimes von ihm preisgebe.

Er meint, es sei seine Privatsphäre.

DOCH DAS KRATZT MICH NICHT. DAFÜR KRATZT MICH INNOCENTS PRIVATSPHÄRE AN DER BACKE.

«Du bist nicht rasiert, Schweini!»

Erschienen am: 
Dienstag, 13. November 2018

Die Briefe

Mimmis Puls klopfte.
Sie war jetzt 91 – Treppensteigen war in diesem Alter keine Zuckerwatte.
Im Estrich tanzte der Staub durchs Sonnenlicht.
Mimmi schnupperte.
Estriche schmeckten alle gleich – nach Teppichen, die eingerollt vermoderten. Nach Mottenkugeln und Kleidern in vergammelten Koffern – NACH ALL DEM ABGELEGTEN EINES LEBENS, DAS MAN VOR-ENTSORGTE.
Bei den meisten Dingen hatten die Leute Hemmungen, sie direkt wegzuwerfen: «Das können wir eventuell noch gebrauchen …»

Erschienen am: 
Freitag, 9. November 2018

Vom roten Täschlein und seiner Geschichte

Illustration: Rebekka Heeb

Vielen geht mein Sack auf den Sack: «…das ist so was von pervers!»

Auf Facebook hat eine Dreckschleuder gepostet: «Kann einer so peinlich herumlaufen?!»

JAWOLLLL!

Und: NEIN!

DEN CHIC DER ROTEN TASCHE LASSE ICH MIR NICHT SCHLECHTREDEN!

Eigentlich ist es nicht mehr als ein schreiend scharlachfarbener Papiersack. Mit schwarzen Handkordeln. Und dem Namenszug. Ebenfalls schwarz.

Erschienen am: 
Dienstag, 6. November 2018

Gin and Tonic

Er kam mit Rosen.

Das tat Max nie.

Also büschelte Leonie die Blumen leicht irritiert in die Vase.

Max bereitete mittlerweile das Happy-Hour-Gesöff des Tages zu.

Es war Gin Tonic.

Es war immer Gin Tonic.

Als er ihr vor drei Jahren zaghaft vorschlagen wollte: «Vielleicht sollten wir auch auf diesen SPRITZ umsteigen. Alles spritzt jetzt…» – Also, da hatte Leonie ihm zugelächelt: «Aber Max – wir mixen uns seit 30 Jahren Gin Tonic. Weshalb sollen wir etwas Neues anfangen?»

Erschienen am: 
Freitag, 2. November 2018

Manschettenknöpfe

«Ich kann dir mein Gucci-Kleidchen ausleihen...» – LILLI SCHAUTE IHRE COUSINE AN. Und was sie sah, gefiel ihr gar nicht.

Natürlich konnte sie Hanni nicht einfach von der Liste streichen. Sie gehörte zur Familie. Und deshalb an die Hochzeitsfeier. ABER VERDAMMT NOCH MAL, DIESER MÜDE BESEN KÖNNTE SICH DOCH ETWAS MODISCHER AUFPEPPEN. Dann: «Rolf kommt. Er ist Cédrics bester Freund ...UND ER IST DEIN TISCHNACHBAR, HANNI.» «Ach ja?» – Hanni war nicht an Rolf interessiert. Sie wollte jetzt heim. Der Hund musste raus.

Erschienen am: 
Freitag, 26. Oktober 2018

Von der Erbschaft und einem stinkigen Notarzimmer

Illustration: Rebekka Heeb

Der Anwalt war klein.

Schmuddelig.

Und er hatte gelbe Raucherzähne.

ICH HASSE GELBE RAUCHERZÄHNE.

O.k. – nichts gegen das Zigarrenpaffen.

DAS GILBT ARG.

Aber immerhin hat uns die Putzmittelindustrie Pasten entwickelt, die das Gelb rauszwingen. Und der Schaufel wieder das Blütenweiss einer unschuldigen Schneeanemone reinzwingen.

NICHTS VON ALLEDEM BEI DIESEM NOTAR MIT SEINEM LÄCHELN, DAS SO TRÜB WAR WIE UNGEPUTZTE KLOSCHEIBEN IM UNTERSUCHUNGSGEFÄNGNIS.

Erschienen am: 
Dienstag, 23. Oktober 2018

Speisesaal

Sergio beobachtete das alte Paar unauffällig.

Die beiden rührten ihn. Jeden Morgen begleitete die Frau ihren Gatten in den Speisesaal.

Wollte sie ihm den Arm geben, wurde er ungehalten: «Das kann ich gut alleine…»

SERGIO KAM AN IHREN TISCH: «GUTEN MORGEN – WIE IMMER?».

Beide schauten freundlich. Nickten synchron: «Wie immer, Herr Sergio – danke!».

Sie tauchten im Herbst auf. Und sie blieben bis zum ersten Schnee.

Erschienen am: 
Freitag, 19. Oktober 2018

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