Basler Zeitung

Spielen

Anna sass auf dem Barhocker. Ihre Augen klebten am Spielapparat: Glücksklee Schweine Schafe jagten vorbei. Sie alle verkündeten Anna grossen Geldsegen. Aber echt Schwein wäre gewesen: Jede Sau auf die Reihe zu kriegen. Sie versuchte die Walze mit einem Knopfdruck abzustoppen. Die Walze tat, was sie wollte.

DAS GLÜCK TUT IMMER, WAS ES WILL!

Anna schaute enttäuscht zur Frau am Tabacchi-Tresen: «Allora - un Gratta e Vinci!.»

Nina seufzte: «Hast du heute nicht schon genug verspielt, Anna?»

Erschienen am: 
Freitag, 14. Juni 2019

Von einem leeren Schaufenster und der Stickerei

Illustration: Rebekka Heeb

SCHOCK!

Die Schaufenster der alten Römer Passamaneria waren leer. Staub lag hinter den schmutzigen Scheiben - der Staub, zu dem wir alle mal werden.

Ich war auf dem Morgen spaziergang zum «Campo», um Walderdbeeren zu kaufen. Da habe ich einen Bogen durch «mein» altes Quartier ge schlagen. Manchmal braucht der Mensch einen Schluck Nostalgie wie den Frühstücks- Cappuccino - und die Via del Orso heisst für mich «ERSTE RÖMER ERINNERUNGEN».

Erschienen am: 
Dienstag, 11. Juni 2019

Don José

«SCHEISSMUSIK!» - die Stimme gellte schrill. Und Nora legte die Geige seufzend zur Seite. Seit sie Mittel gegen ihre Schmerzen nehmen musste, gehorchten ihr die Finger schlecht.

Nora schaute zu ihrem Papagei. Sie hatte Don José einer Seiltänzerin auf dem Gemüsemarkt von Malaga abgekauft.

Nora war mit ihrem Mann im Ritz engagiert gewesen. Eric am Piano, sie an der Geige. Zu Tapas spielten sie für Touristen ungarische Musik - diese hielten die Csardas-Klänge für «typisch spanisch!».

Erschienen am: 
Freitag, 7. Juni 2019

Von der falschen Leiche und feuchten Linnen

Illustration: Rebekka Heeb

Sonne. Und das Meer blau wie ein Korb voller Zwetschgen. Paradies perfekt. Es sind dann immer Gianni und Lida, die uns aus diesem Paradies vertreiben. Sie stehen grantig am Tor: «Alle Rosen haben den Tau das Warmwasser funktioniert nicht und der rote Kater hat bei einer Wildsau-Attacke den Weg über den Regenbogen angetreten.»

MEIN ROTER KATER!

Ich habe ihn als kleinen Wuschel aufgepäppelt. Er war der einzige Mann, der je Zutritt ins Schlafzimmer hatte. UND JETZT MAUSE!

Erschienen am: 
Dienstag, 4. Juni 2019

Der Kuchen

«Alle Mütter backen!» - Mias Kinderaugen schauten entsetzt: «...ich kann nicht ohne Kuchen kommen, Lucie!»

Lucie ist Mias Mutter - eine emanzipierte Frau, die nie wollte, dass ihre Tochter sie so rübenweich «Mammausi» nannte. DESHALB: «ICH BIN LUCIE - DAS GENÜGT!»

Und das mit der Kuchenbackerei - sorry. Aber Lucie hatte so etwas einfach nicht drauf. SIE HASSTE KOCHEN. SIE HASSTE NÄHEN. SIE HASSTE ALLES, WAS DAS ALTE FRAUENBILD IN CINEMASCOPE-FARBEN VERHERRLICHTE.

Erschienen am: 
Freitag, 31. Mai 2019

Von den Süchten, dem Kiffen und null Wirkung

Illustration: Rebekka Heeb

Kiffen war nie mein Ding.

Ich wuchs in einer Familie von Süchtigen auf. So einer macht um jeden «Turkey» einen Bogen.

Bei meinem Vater war es der Berg. Er musste dran! Hing daran. Umarmte ihn - wie ein Liebeskranker die coole Braut. Wir andern jammerten auf ihn ein: «Lass das - es ist unverantwortlich. Und bringt dir eines Tages den Tod!» Er liess nicht davon ab. Filme zeigen ihn noch als 80-Jährigen schwindelfrei auf der Dufourspitze mit einer Rolle Traubenzucker als Wegzehrung in die Kamera winken.

ICH BITTE EUCH!

Erschienen am: 
Dienstag, 28. Mai 2019

Im Café

Elsie sass im Café über dem Markt. Sie freute sich an ihrem Himbeereis.

Die beiden Glacekugeln lagen in einem hohen Kristallbecher. «Die gute alte Zeit...», seufzte Elsie zu Madi. «Es gibt nur noch gefrorene Lutschstengel am Plastikstiel - oder Softice im Kunststoffbecher... aber hier: alles umweltfroh. KEIN ABFALL!».

Madi löffelte an ihrem Eiskaffee: «Die Preise sind auch sechsmal höher wie für einen Eislolly aus der Migros-Kühlkiste.»

Erschienen am: 
Freitag, 24. Mai 2019

Von Tintenflecken und dem Daumen hoch

Illustration: Rebekka Heeb

Innocent schreibt.

Er hockt an seinem kleinen Pult. Kaut an der Unterlippe. Und legt dann wieder ein paar Sätze hin.

Irgendwie rührt es mich an.

WER SCHREIBT HEUTE NOCH?

Und vor allem: Wer benutzt noch eine Füllfeder?

Er tut es.

Er taucht den Füller in ein gläsernes Tintenfässchen. Und saugt die schwarze Flüssigkeit durch die kleine, goldene Schaufel aus einem Glas fässchen auf.

ICH FINDE DAS JA SO ETWAS VON SKURRIL.

Aber auch lieb.

Erschienen am: 
Dienstag, 21. Mai 2019

Die rote Lola

Sie schrie. Sie tobte: «IHR WICHSER UND HURENSÖHNE!»

Keiner hörte hin. Jeder kannte die rote Lola. Die Leute im Quartier nahmen die Ausbrüche mit demselben Schulterzucken hin wie Schmierereien an den Häusern. Oder Hundekegel auf dem Trottoir.

IRGENDWANN MOCHTE KEINER MEHR MOTZEN.

Und wenn, wurde er von Postmann Sauber in den Senkel gestellt: «Man kann Leute nicht einsperren, nur weil sie einen an der Waffel haben!»

Es war ein ruhiges Quartier gewesen.

Erschienen am: 
Freitag, 17. Mai 2019

Von wildem Spargel und Fingerfood

Illustration: Rebekka Heeb

Jedes Jahr dasselbe Theater! Innocent: «Spargeln schiebt man sich nicht von Hand rein!» - «Aha - und weshalb servieren Spitzenrestaurants Fingerbowls neben dem Teller?!»

Er schaut genervt von der Mayo hoch: «Das ist so ein neu modischer Brunz. Ich habe dir immer gesagt: W I R BRAUCHEN KEINE FINGER BOWLS. WIR SIND KEINE ARABER. UND ESSEN NICHT MIT DEN PFOTEN!» Ich beschimpfe ihn als alten Rassisten. Er mich als Kultursau. So kann beim Spargel keine Freude aufkommen.

Erschienen am: 
Dienstag, 14. Mai 2019

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