Basler Zeitung

Von Bettsocken und dem jüngsten Fotomodell...

Meine Kinderzeit verlief krisenfrei. Seuchenfrei. Panikfrei. Ich meine: Normalo-Welt. Die Frauen der Vaterseite strickten. Irgendwie gehörten die tickernden Nadeln zu ihnen wie der hausgebackene Zopf zum Sonntag. Die Kembserweg-Omi klapperte ihr Nadelspiel auf dem Sofa. Ihre Finger wuselten über die Maschen. Sie zählte laut vor sich hin. «Wie soll sich da einer auf die Börse konzentrieren!» - knurrte Carlotta am Tisch. Meine Mutter hockte vor riesigen Papierbögen. Mit einem Rotstift kreiste sie Zahlen ein. Und betrieb ihr Aktien-Monopoly.

Erschienen am: 
Freitag, 13. März 2020

Das Kostüm

«Huuugi - welches Kostüm nimmst du für dein Zyschtigs-Ziigli?»

Luggi stand stirnrunzelnd im Bügelzimmer - den Fasnachtskasten weit offen. Sie war sauer. Der Kasten überquoll an bunten Kostümen.

Gestern noch hatte sie zu ihrer Freundin Irma am Telefon gestänkert. «Bei mir dreht er jeden Rappen um. Aber für die Fasnacht werden die Räppli mit beiden Händen rausgeworfen. Jedes Jahr ein neues Kostüm. Dann noch eines für den Zyschtig - und mir vergällt er ein neues Gucci-Deuxpièces...»

Erschienen am: 
Freitag, 28. Februar 2020

Von einer türkischen Kostümschneiderin und den «Spatzehirni»

Illustration: Rebekka Heeb

Azra nahm einen Schluck vom dampfenden Tee. Sie hatte ihn mit drei Löffeln Honig gesüsst.

Dann schaute sie zum Foto auf dem Buffet: ihre Eltern. Fein gerahmt. Schmal. Aber Silber. Davor: eine getrocknete Rose. Und eine flackernde Kerze.

«Ich darf nicht krank werden, Ana - die Kleider müssen fertig sein. Es ist ihr grösstes Fest!»

DIE MUTTER LÄCHELTE VERSTÄNDNISVOLL. SO WIE SIE IMMER VERSTÄNDNISVOLL GELÄCHELT HATTE. DER VATER SCHAUTE GRIMMIG - ALS MACHTE IHM WIEDER DIE MILZ ZU SCHAFFEN.

Erschienen am: 
Dienstag, 25. Februar 2020

Die Mehlsuppen-Probe

schaute Martin lange an: «Ich bringe das nicht!»

Tiefer Seufzer: «Deine Mutter findet mich eh das Letzte. Keine, die nicht in ihren Kreisen schwimmt, kann diese Mehlsuppen-Probe bestehen...»

Vorgeschichte: Anke kam als deutsche Studentin aus Berlin nach Basel. Auf der Uni traf sie erstmals Martin - bei beiden Schlug der Blitz ein.

Aber eben - als der Sohn seine künftige Braut ankündigte, herrschte Stille im kühlen Esszimmer.

Dann: «Was ischs fir e Gebooreni?» (deutsch: AUS WELCHEM STALL KOMMT SIE?)

Erschienen am: 
Freitag, 21. Februar 2020

Vom ersten Morgestraich und von Eltern, die es nicht draufhatten...

Illustration: Rebekka Heeb

Mein erster Morgestraich verbrachte ich auf dem Rücken meines Vaters.

Ich war vier. Wir standen in der Aeschenvorstadt. Ernst, der Billeteur meines Vaters, war Pfeifer bei der Lälli. Und die marschierte beim Goldenen Sternen ab.

ERNST WAR DER EINZIGE AKTIVE PFEIFER, DEN VATER KANNTE. BEIM THEMA FASNACHT WAR DER SECHSER-TRÄMLER NÄMLICH STUR WIE DIE SCHIENEN, AUF DENEN ER FUHR: «Männer in Frauenfummeln? Ja, wo gibts denn so etwas?! SICHER NICHT BEI UNS!»

Wie so oft im Leben hatte sich der Vater getäuscht.

Erschienen am: 
Dienstag, 18. Februar 2020

Karli Odermatt: «Bei einem Sieg gab es 130 Stutz Prämie»

Foto: Lucia Hunziker

Vorspiel
SMS: «Karli - kommst du mit mir an den Tisch?»

SMS: «Klar - Donati. Donnerstag - dann gibt es Manzo brasato...»

Anpfiff
Der italienische Kellner schaut fragend auf den zweiten, leeren Platz.

«Karli», sage ich. Und: «Nostro grande calciatore... Numero uno della palla.»

Nun geht die Sonne auf:

«Ohhh - Signore Odermatt » Er strahlt: «Bestimmt wählt Signore Odermatt den Manzo. Er nimmt immer den Manzo...»

Erschienen am: 
Samstag, 15. Februar 2020

Interview mit der Königin

Die Sängerin empfing die TV-Crew in der Mozart-Suite des Sachers.

Interviews langweilten sie. IMMER DIESELBEN STUPIDE... Und natürlich würden auch die wieder den Unfall von Barbara Barbari zum Thema machen.

Die Primadonna schaute jetzt mit jenem professionellen Lächeln, das sie von China bis ins Glottertal berühmt gemacht... hat zur Crew: «Dann wollen wir mal...»

«Pipinella Zwitscherini - Sie gelten als weltweit beste Königin der Nacht...»

Sie (bescheiden abwinkend): «Wenn SIE es sagen...»

Erschienen am: 
Freitag, 14. Februar 2020

Von «alten Tanten» und dem falschen Knackarsch ...

Illustration: Rebekka Heeb

Reden wir von alten Tanten.

NEIN - FÜR EINMAL NICHT ÜBER DEN DICKEN SCHREIBER.

ES GEHT UM DAS ORIGINAL.

UND UM DIE URFASSUNG.

Zurzeit stehen alte Tanten in der Warteschlange.

Ihre Köpfe mit den spitzen Nasen und dem süffisanten Lächeln warten in den Ateliers abholbereit auf den Larven tischen.

Die Nähmaschinen rattern bei den Schneiderinnen auf geregt an den Allerwertesten dieser Altweiber herum. Denn der Allerwerteste ist falsch. Ein aufgebauschter Fake - grade als ob Herr Trump es genäht hätte.

Erschienen am: 
Dienstag, 11. Februar 2020

Windige Probleme...

Louise sass dem Arzt gegenüber. Sie: Im kleinen Schwarzen, das auch nach 50 Jahren noch seine Dienste tat. Dazu: Perlenkette. Einreihig. Und eine Tasche von Hermès.

Er: Weisse Kittelschürze. Bürstenschnitt. Nickelbrille.

Auf der einen Seite also die dezente Eleganz, welche Jahrzehnte überdauert - auf der anderen Seite: die Medizin, die sich jeden Tag mit Lichtgeschwindigkeit weiterentwickelt. Und hier in der weissen Schürze daherkommt.

LOUISE WAR DIE SACHE SO WAS VON PEINLICH. ABER DAS PROBLEM MUSSTE AUF DEN TISCH.

Erschienen am: 
Freitag, 7. Februar 2020

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