Basler Zeitung

Braune Augen

Es war in der zweiten Adventswoche.
Hildi hatte eben die Anisbrote aus dem Ofen gezogen. In der Wohnung schwebte ein Duft von Vorweihnachtsfreude. Hildi rieb sich die Hände: «Morgen kaufe ich Karl diesen beigen Kaschmirpullover.»
Es kam nicht mehr zum Kaschmirpullover.
An jenem Abend, als die Anisbrote auf dem Blech erkalteten und Hildi stolz die Füsschen, die dieses Mal so wunderbar aufgegangen waren, betrachtete, kam Karl nach Hause. Er tätschelte flüchtig seine Gattin. Und stellte die Kiste an.

Erschienen am: 
Montag, 20. Dezember 2010

Braune Augen

Als Susi den Mann sah, wusste sie: DEN ODER KEINEN!
Sie war bereit, für ihn alle ihre guten Vorsätze wie «NIE MEHR!» über Bord zu werfen.
Seine Augen hatten einen speziellen Glanz. Und Susi wurde schwach. Braune Augen hatten sie schon immer schachmatt gesetzt.
Sie war jetzt 46? und noch immer ohne feste Beziehung.

Erschienen am: 
Montag, 18. November 2013

Bouchés

Drei geschlagene Minuten lang stand ich vor dem Kiosk. Die Dame hinter all dem Glanz und Horror im Zeitschriftenformat musterte mich argwöhnisch. Sie vermutete Unschönes in dem, was sie sah. Jedenfalls hüstelte sie energisch - ABER ES NÜTZTE NICHTS. Mir fiel beim besten Willen nicht mehr ein, was ich hätte besorgen sollen... Tom, mein fitter Vetter hatte mich zum Einkaufen geschickt. Er radelt stundenlang auf seinem Hometrainer rum - aber 10 Meter Einkaufsweg sind ihm zu mühsam. Da schlappt er. Und delegiert sein Fitness-Programm.

Erschienen am: 
Montag, 26. September 2005

Böse Küsse

Das Kind schrie.
Das schreckliche, karpfenähnliche Gesicht mit den langen, gelben Zähnen und den stachligen Barthaaren kam näher. Und näher.
Fred brüllte. Rang nach Atem. Ja, seine Backen hatten bereits den Stich ins Bläuliche, als seine Mutter rief: «WAS SOLL DIESES GESCHREI? DARF DIR DENN DIE OMI NICHT EIN LIEBES KÜSSCHEN GEBEN?»

Erschienen am: 
Montag, 21. Mai 2012

Blaue Pillen

Er lag im Bett. Und versteifte sich.
ALLERDINGS NICHT AM RICHTIGEN ORT.
Barbara streichelte über sein Haar: «Das macht doch nichts, Jan!»
Er war gereizt. «Natürlich macht es etwas, Babsilein? ich meine: Das ist mir noch nie ­passiert?»
«Du hast zu viel um die Ohren, Jan. Leg dich ganz nahe zu mir. Lass uns kuscheln!»
KUSCHELN WAR FÜR BECKENRAND­SCHWIMMER! Aber nicht für Jan, den heissen Aufreisser. Jeder und jede wusste, dass er immer für zwei, drei Nummern gut war?

Erschienen am: 
Montag, 25. November 2013

Blaue Donau in Alassio

Die Saison war ausgelutscht. Viele Badeanstalten hatten bereits geschlossen.
Die Kellner zeigten das müde Gesicht eines erloschenen Sommers. Sie warteten auf November. Dann war endgültig Schluss. Und sie konnten auch einen Happen Ferien geniessen. Last Minute nach Teneriffa.
DIE AUSGELATSCHTEN SERVICE-FÜSSE IM SALZWASSER BADEN!
Louise liebte diesen Saisonschluss in Alassio. Immer Ende September reiste sie an. Ihr Gepäck: EIN KOFFER MIT ERINNERUNGEN.

Erschienen am: 
Montag, 17. Oktober 2011

Bergwandern

ER HASSTE DIE BERGE.
Seit 37 Jahren fuhr er mit Hanne-Trudy hin.
Einmal hatte er in einem mutigen Moment auf­begehrt: «Könnten wir vielleicht dieses Jahr ans Meer. Ich möchte zumindest e i n m a l in meinem Leben den Horizont gesehen haben?»
«OTTO!»? sie schaute ihn verärgert an, «du weisst, dass ich bei zu viel Jod nicht atmen kann. Und ein weiter Horizont bringt nur Kopfweh. WAS HAST DU GEGEN ADELBODEN?!»

Erschienen am: 
Montag, 10. Juni 2013

Bergidylle

Er war ein Weichei!
EIN WARMDUSCHER.
Nein. Sie hatte mit ihm nicht das grosse Los gezogen.
WEISS GOTT NICHT!
Der angehende Wirtschaftsprüfer entpuppte sich schon bald einmal als Niete. Mit Anfällen von Hypochondrie. Und einem Grind, stur wie ein Esel ?
Bereits im dritten Ehejahr war ihr Sexleben so tot wie die Sympathien gegenüber einer Grossbank.
Sie blieben kinderlos. Die paar Versuche dagegen waren eh eine lahme Sache gewesen. Ohne harte Entschlossenheit ? wenn man es so sehen will.

Erschienen am: 
Montag, 5. August 2013

Bergdohlen

Sie sind schwarz wie Teer. Rabenschwarz.
Nein. Diese Bezeichnung trifft es nicht. Denn es sind Dohlen - Alpendohlen. Auf Lateinisch: pyrrhocoraces graculi. (Beten wir zu den Himmlischen, dass ich es richtig in den Plural gesetzt habe, und kein Klugscheisser Vögel bekommt - vergelts Gott).
Hier in Adelboden am Fusse des Wildstrubels und im Schatten des Lohners heissen die Vögel: Bergdohlen.
Die Bergdohlen waren die Freunde meines Vaters. Seelenverwandte.

Erschienen am: 
Montag, 24. Juli 2006

Beraubt

Drei Tage vor dem neuen Jahr haben sie mein - ICH - gestohlen. Na ja - gestohlen würde ja noch angehen.
SIE HABEN ES MIR GERAUBT. Im Tram - genauer: in der Nummer 8, die von der Römer Torre Argentina zur Stazione Trastevere rumpelt. Die Täter kamen von hinten - doch davon später.

Erschienen am: 
Montag, 2. Januar 2006

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