Basler Zeitung

Die Freundin

Die Sonne schien erstmals warm. Eric war glücklich.
Frühling? das war immer ein Neuanfang.
Mit einer spitzen Schaufel traktierte er das Beet neben den Rosen. Hier hatte er Cécile vor gut einem Jahr begraben. Verträumt hatte sie gelächelt. Und er ihren zarten, feinen Kopf geküsst. Dann hatte er geweint. Und das Grab zugeschaufelt.

Erschienen am: 
Montag, 18. März 2013

Die breite Masse

Zu meiner Jugendzeit trugen alle noch ein Sackmesser im Sack und ein Täschchen in der Hand. Deshalb: SACK-MESSER. Und: HANDTÄSCHCHEN.
War das nun schwierig? Eben!
NUN GUT: NICHT ALLE HABEN DAS SACKMESSER GETRAGEN. ES GAB AUCH SOLCHE, DIE ES GEGEN DAS HANDTÄSCHCHEN AUSGETAUSCHT HABEN. DOCH WIR WOLLEN IHNEN MIT DEM TUNTENGEJAMMER NICHT AUF DEN GEIST GEHEN!

Erschienen am: 
Montag, 31. Januar 2011

Die Braut

Sie sass auf der harten Kirchenbank. Und betete den Rosenkranz: «Gegrüsst seist du, Maria...»
Die ersten Worte flüsterte sie nur. Erst bei «... bitte für uns Sünder. Jetzt. Und in der Stunde unseres Todes...» bebte die Stimme in einem leichten Crescendo.
Die Perlen des Rosenkranzes fielen wie Tränen durch die Finger der alten Frau. Es waren gepflegte Finger. Darauf achtete Irmgard. Es waren Finger, die Klavier spielten. Und für die Freundinnen Gobelins stickten.

Erschienen am: 
Montag, 25. März 2013

Die Angestellte

Fritzi siebte die Fleischsuppe in eine Thermos­flasche ab. Die dampfende Hühnerbrust und das Suppenfleisch gab sie in eine Alu-Schale.
ES DURFTE NICHTS VERKOMMEN. Das hatte sich ihre Familie auf die Fahne geschrieben. Und mit diesem Credo den Grundstein zum Reichtum gelegt.
Fritzi? eigentlich Frederike, aber sie hasste diesen Namen und wollte schon als Kind «Fritzi» genannt werden? wuchs in einer Familie auf, in der gespart wurde. Und niemand genau wusste, wie viel Geld eigentlich da war.

Erschienen am: 
Montag, 8. April 2013

Der Witwer

«Hallo? wowww! Gut siehst du aus!»
Hugo schreckte aus seinen Tagträumen hoch.
Er schaute den Mann fragend an. Dieser guckte etwas gekränkt: «Ja kennst du mich nicht mehr: Edi... Schützenmatten-Edi... Ich habe doch die Evi geheiratet?!»
Hugo setzte sofort alle Antennen ein. Sein Gesicht tat, als würden alle Lichter aufgehen: «Ja klar... der Edi... Hallo, du alte Nummer. Was macht die Evi?»
«Sie ist tot.»
Nun versagten die Antennen. Und auch das Mienenspiel.

Erschienen am: 
Montag, 8. Oktober 2012

Der Tod des Figaros...

An jenem Tag, als der Dorfbarbiere Enzo auf seinem Coiffeurstuhl die Zeitung las, war das nicht ungewöhnlich.
Denn Enzo hockte morgens immer lesend auf seinem grünen Barbier-Sessel. Und er blätterte dabei schön langsam das Neueste aus der Welt durch? es war eine Welt, die weit weg von ihm existierte. Und doch nichts anderes war als sein Insel-Alltag.
Schreiner Mimmo wollte sich seine Birne glatzenglatt scheren lassen. Und klopfte dem sitzenden Enzo von hinten auf die Schulter.

Erschienen am: 
Montag, 22. April 2013

Der Schuhmacher

Der Alte nahm den Nagel aus dem Mund.
Bedächtig klopfte er ihn auf die Sohle. Eine heilige Handlung.
Max betrachtete den leicht verstaubten Schuh.
1950, als die Grenzen wieder offen und die Sehnsucht nach der Fremde gross war? auf seiner Hochzeitsreise hatte er dieses Paar Lackschuhe gekauft.
Es war in London gewesen: Sie funkelten in einem winzig kleinen Schaufenster an der Regent Street.
Max sah es auf den ersten Blick: Smokingschuhe der feinsten Art. Handgemacht. Hochglanzpoliert.

Erschienen am: 
Montag, 23. Januar 2012

Der Schriftsetzert

Rolf schlug die Augen auf. «Alles weiss», dachte er. «Wie auf dem Weg zum Himmel...»
«Haben Sie einen Wunsch?», hörte er eine Stimme sagen. Es war die schwarze Hilfsschwester. Er versuchte, den Daumen nach oben zu heben. Und flüsterte: «Alles okay...»
Natürlich würde er sterben. Das war ihm schon klar gewesen, als sie ihn zu Hause abholten. Auf die Bahre banden. Und Frau Huber, seine Nach­barin, im Gang die Tränen zurückhielt: «Kommen Sie bald gesund zurück, Herr Lüthy...»

Erschienen am: 
Montag, 24. September 2012

Der Schlips

«Ohne Schlips geht nix!», kicherte Katy, meine zweitbeste Freundin, als ich mich vor dem Spiegel verrenkte. Und keuchend dieses winzige Löchlein in dem verknitterten Seidenband suchte, in das sich der kleine Metalldorn einhaken sollte.
Schliesslich gab ich auf.
«INNOCENT!»
Der Beste erschien in diesem Traueranzug, den Übermütige Smoking nennen.
Er sah aus wie eine dieser dicken Kanonen, welche alte Kriegsschiffe zieren.
IMMERHIN - ER WAR STARTBEREIT. SEIN PROPELLER SURRTE SCHON.

Erschienen am: 
Montag, 21. August 2006

Der Ring... nicht von Wagner

Lida sah den Ring. Und das Funkeln war stärker als ihr Gewissen.
Rasch liess sie den Klunker in ihre Schürzentasche verschwinden.
Als Marion den Verlust des Schmucks bemerkte, schrie sie Zetermordio.
Bald kam die Polizei ins Haus. Mit ihr auch der Versicherungsmann.
«Er war von Gino», weinte Marion. Und schnäuzte sich die Nase rot.
«Wer ist Gino?», fragte der Polizist und zückte sein Notizbuch.
«Ein Freund», schluchzte Marion.

Erschienen am: 
Montag, 15. April 2013

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