Die Angestellte

Fritzi siebte die Fleischsuppe in eine Thermos­flasche ab. Die dampfende Hühnerbrust und das Suppenfleisch gab sie in eine Alu-Schale.
ES DURFTE NICHTS VERKOMMEN. Das hatte sich ihre Familie auf die Fahne geschrieben. Und mit diesem Credo den Grundstein zum Reichtum gelegt.
Fritzi? eigentlich Frederike, aber sie hasste diesen Namen und wollte schon als Kind «Fritzi» genannt werden? wuchs in einer Familie auf, in der gespart wurde. Und niemand genau wusste, wie viel Geld eigentlich da war.

Erschienen am: 
Montag, 8. April 2013

Der Witwer

«Hallo? wowww! Gut siehst du aus!»
Hugo schreckte aus seinen Tagträumen hoch.
Er schaute den Mann fragend an. Dieser guckte etwas gekränkt: «Ja kennst du mich nicht mehr: Edi... Schützenmatten-Edi... Ich habe doch die Evi geheiratet?!»
Hugo setzte sofort alle Antennen ein. Sein Gesicht tat, als würden alle Lichter aufgehen: «Ja klar... der Edi... Hallo, du alte Nummer. Was macht die Evi?»
«Sie ist tot.»
Nun versagten die Antennen. Und auch das Mienenspiel.

Erschienen am: 
Montag, 8. Oktober 2012

Der Tod des Figaros...

An jenem Tag, als der Dorfbarbiere Enzo auf seinem Coiffeurstuhl die Zeitung las, war das nicht ungewöhnlich.
Denn Enzo hockte morgens immer lesend auf seinem grünen Barbier-Sessel. Und er blätterte dabei schön langsam das Neueste aus der Welt durch? es war eine Welt, die weit weg von ihm existierte. Und doch nichts anderes war als sein Insel-Alltag.
Schreiner Mimmo wollte sich seine Birne glatzenglatt scheren lassen. Und klopfte dem sitzenden Enzo von hinten auf die Schulter.

Erschienen am: 
Montag, 22. April 2013

Der Schuhmacher

Der Alte nahm den Nagel aus dem Mund.
Bedächtig klopfte er ihn auf die Sohle. Eine heilige Handlung.
Max betrachtete den leicht verstaubten Schuh.
1950, als die Grenzen wieder offen und die Sehnsucht nach der Fremde gross war? auf seiner Hochzeitsreise hatte er dieses Paar Lackschuhe gekauft.
Es war in London gewesen: Sie funkelten in einem winzig kleinen Schaufenster an der Regent Street.
Max sah es auf den ersten Blick: Smokingschuhe der feinsten Art. Handgemacht. Hochglanzpoliert.

Erschienen am: 
Montag, 23. Januar 2012

Der Schriftsetzert

Rolf schlug die Augen auf. «Alles weiss», dachte er. «Wie auf dem Weg zum Himmel...»
«Haben Sie einen Wunsch?», hörte er eine Stimme sagen. Es war die schwarze Hilfsschwester. Er versuchte, den Daumen nach oben zu heben. Und flüsterte: «Alles okay...»
Natürlich würde er sterben. Das war ihm schon klar gewesen, als sie ihn zu Hause abholten. Auf die Bahre banden. Und Frau Huber, seine Nach­barin, im Gang die Tränen zurückhielt: «Kommen Sie bald gesund zurück, Herr Lüthy...»

Erschienen am: 
Montag, 24. September 2012

Der Schlips

«Ohne Schlips geht nix!», kicherte Katy, meine zweitbeste Freundin, als ich mich vor dem Spiegel verrenkte. Und keuchend dieses winzige Löchlein in dem verknitterten Seidenband suchte, in das sich der kleine Metalldorn einhaken sollte.
Schliesslich gab ich auf.
«INNOCENT!»
Der Beste erschien in diesem Traueranzug, den Übermütige Smoking nennen.
Er sah aus wie eine dieser dicken Kanonen, welche alte Kriegsschiffe zieren.
IMMERHIN - ER WAR STARTBEREIT. SEIN PROPELLER SURRTE SCHON.

Erschienen am: 
Montag, 21. August 2006

Der Ring... nicht von Wagner

Lida sah den Ring. Und das Funkeln war stärker als ihr Gewissen.
Rasch liess sie den Klunker in ihre Schürzentasche verschwinden.
Als Marion den Verlust des Schmucks bemerkte, schrie sie Zetermordio.
Bald kam die Polizei ins Haus. Mit ihr auch der Versicherungsmann.
«Er war von Gino», weinte Marion. Und schnäuzte sich die Nase rot.
«Wer ist Gino?», fragte der Polizist und zückte sein Notizbuch.
«Ein Freund», schluchzte Marion.

Erschienen am: 
Montag, 15. April 2013

Der nackte Mann

Der Herr stand nackt vor ihrer Tür. Alice Hämmerle musterte ihn genau. Das letzte Mal, als sie einen nackten Mann gesehen hatte, war bei der Einsargung ihres Gatten gewesen. Viel hatte es da eh nie zu sehen gegeben. «Bitte!», japste der Mann. Und hielt seine flatternden Hände vor das Drittbein. «BITTE! ICH WILL NICHTS VON IHNEN. ICH BIN SCHWUL UND...»

Erschienen am: 
Montag, 12. September 2011

Der Messerwerfer

Immer wenn der Mai ins Land zieht, blühen auf der kleinen Insel die Mohnblumen.
Wie frische Blutlachen nach einer Schlacht leuchten die PAPAVERI in den Feldern. Die Ältesten im Ort nicken einander zu: «Der Mohn bringt uns die alte Anna zurück?»

Erschienen am: 
Montag, 29. April 2013

Der Lügner

Er war ein Lügner. Einer der ganz grossen Klasse.
Natürlich sah er es anders.
Hans ersetzte das Wort Lügen gerne durch GESCHICHTEN. Er nannte sich selber einen Geschichtenerzähler. Und verdiente damit auch sein Brot.
Hans schrieb Kurzromane, Kolumnen, Storys für Kleinstblätter.
Wenn eine Redaktion mal Stoffnot hatte, hiess es in der Sitzung: «Ruft Hans an. Der lügt uns schnell etwas zusammen!»

Erschienen am: 
Montag, 15. Oktober 2012

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