Mimpfeli

Von der Ohnmacht zu zöpfeln und warmem Brot

Illustration: Rebekka Heeb

Sie legen mir Zöpfe vor die Chalettür. Butterzöpfe. Schön golden. Dies meist an einem Samstag. Hier, wo nur die Berggipfel höher sind als der Himmel, in den wir mal einziehen sollen, hier wird für den Tag des Herrn und die ganze Familie noch der Sonntagszopf aus dem Ofen gezogen. Ich bin ihr Herr vom Unterland. Also bekomme ich auch ein Exemplar. Da wir noch immer keine Hände schütteln und null Sennenküsse tauschen, legen die Frauen mir ihre duftenden Weggen einfach auf die abgetretene Holzschwelle vor dem Holzhaus. Sie klingeln nicht mal.

Erschienen am: 
Dienstag, 2. Juni 2020

Vom Zeitungssterben und Journalisten von damals...

Illustration: Rebekka Heeb

«Die Zeitung wird immer dünner...», müffelt Innocent. Und wäffelt gleich nach: «Dieser Mist, den ich heute zum Lesen bekomme - ganz dünn!» Er ist einer derjenigen, der noch dem guten, alten Blätterwald nachtrauert - einem Wald, der noch keinen medialen Borkenkäfer und auch keinen Virussturm kannte. Der dichte Zeitungswald breitete sich in Innocents Jugendjahren links wie rechts aus.

Erschienen am: 
Dienstag, 26. Mai 2020

Von den Intellektuellen und denen, die es nicht sind

Illustration: Rebekka Heeb

Wenn man über zwei Monate aufeinanderhockt (und ihr wisst, wie ich das hier meine) - wenn man also konstant die Frühstücksflocken und den Fernseher teilt, dann schlafen mit der Zeit die Gespräche ein. Es herrscht Stummfilm. Oder die Sätze werden bizarr.

Innocent: «ALSO INTELLEKTUELL WARST DU JA NIE.»

Das kam aus heiterem Himmel. Ist aber nicht unbedingt ein Novum. Trotzdem: Ich schweige gekränkt. Und werfe den Dreck zurück: «NEIN. WAR ICH NIE - aber doch immer etwas gescheiter als gewisse Intellektuelle.»

Erschienen am: 
Dienstag, 12. Mai 2020

Von «Gluggern» und Schokolade an Kindergeburtstagen

Illustration: Rebekka Heeb

Wenn ich als Dreikäsehoch etwas nicht mochte, dann: KINDERGEBURTSTAG! Nein. Das war jetzt ganz und gar nicht mein Ding. «Willst du nicht deine Freunde einladen?» Mutter schaute mich etwas verwundert von der Seite an. WOLLTE ICH NICHT. Sie assen dann meine Schokolade auf und wollten bei «Mensch ärgere Dich nicht» immer gewinnen. Diesbezüglich war ich schon Kummer mit der Kembserweg-Omi gewohnt. Sie war die Güte in Person - aber beim Spielen kannte sie kein Erbarmen. Sie war knallhart wie ein Guerilla-Kämpfer.

Erschienen am: 
Dienstag, 28. April 2020

Von der heutigen Sehnsucht nach Nähe und den früheren Küssen

Illustration: Rebekka Heeb

Als schöner Bub wurde ich oft geküsst. DAS WAREN ALLES NUR WEIBERKÜSSE! Männer hielten sich zurück. GOTT SEIS GEKLAGT! Die Herren küssten damals eh nicht coram publico. Nur im Film. Oder hinter verschlossenen Schlafzimmertüren. Da meine Mutter jede Form von Zärtlichkeit mit Ausreden wie «Hans - ich habe heute Migräne!». Oder «Hör bitte auf mit dem Mist - apropos: Könntest du mal den Mistkübel runterbringen!» -, da die gute Mamma also alles Heisse aus dem kühlen Schlafzimmer aussperrte, waren Vaters Küsse für die Katz.

Erschienen am: 
Dienstag, 14. April 2020

Von weggeschlossenen Alten und braunen Eiern

Illustration: Rebekka Heeb

Die Frau schaut mich entsetzt über die Strasse an.

ICH HABE GENOSSEN.

Früher war da ein freundliches «Gesundheit!». Heute? - Ein Blick, als würdest du mit einer Atombombe spazieren gehen.

Als Generation, die schon an der Wiege von Donald Duck gestanden hat, gehörst du nicht auf diese Bergstrasse, die vom Adelbodner Wildstrubel direkt in die Bäckerei führt.

NEIN - AHV-ALTE GEHÖREN WEGGESCHLOSSEN. KEIMFREI ABGESONDERT! UND: AB INS STERILISIERGLAS!

Erschienen am: 
Dienstag, 7. April 2020

Von dem Bergfrühling und fast heiler Heidiwelt...

Illustration: Rebekka Heeb

Also - nichts mit Ei im Glas.

NICHTS MIT MEINER HEISSGELIEBTEN KARDINALS-SCHNITTE!

Keine Palatschinken. Kein Einspänner. Kein Schnittlauchbrot.

NEIN. ALLES IN LUFT AUF GELÖST. WIR VERGAMMELN HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN. UND DAS EI IST ÜBERALL - NUR NICHT IM GLAS.

Der liebe Gott... die Natur... das Schicksal... (suchts Euch aus!) haben zugeschlagen. Und meine Pläne wie einst Onkel Alphonse die Jasskarten neu durchgemischt: «Heee Dicker! Jetzt fangen wir mal wieder ganz von vorne an!»

Erschienen am: 
Dienstag, 31. März 2020

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