Von Snoopy im Tumbler und Chanel N° 5

Illustration: Rebekka Heeb

Ganz fest drückte ich meinen Liebsten an mich.

Sein Kopf lag unter meinem Arm. Sein Bauch auf meiner Nase.

«ER STINKT GEWALTIG!», musste Innocent die Idylle stören. «ZEIT, DASS DU IHN WIEDER MAL WÄSCHST!»

Fünf Stunden später war mein Herzblatt im Tumbler eingeklemmt. NICHTS GING MEHR.

Noch habe ich dieses schreckliche, dumpfe «BLUMM… BLUMM» in den Ohren, wenn sein dicker Bauch an die Trommel knallte. Und danach: ALARMPIEPSER!

«Innocent!»

Er kommt herbeigeeilt.

EILEN ist das falsche Wort. Vielmehr humpelte er an – und verdreht dabei mit Schmerzensmiene die Augen.

Das tut er immer, wenn er bemitleidet werden will. So hats schon mein Dackelhund Zwirbel gemacht. Wenn der Beachtung wollte, begann er zu lahmen. Dackelte aber eine läufige Hündin in der Nähe, jagte er schmerzfrei davon.

ICH ERWÄHNE DAS NUR NEBENBEI. UND WILL HIER KEINE VERGLEICHE MIT INNOCENT ANSTELLEN. INSBESONDERE DA SICH SEINE HÜNDIN ZURZEIT IN SALZBURG DIE MÖPSE STRAFFEN LÄSST.

Also: Innocents Kniescheiben sind zwar frisch eingelegt. ABER NOCH IST DAS GESCHRAUBTE NICHT RICHTIG EINGELAUFEN. Man könnte sagen: Die Scharniere harzen. Sie würden eine gute Ölung vertragen.

«Was ist los?», seufzt er nun.

Ich mache auf Drama: «UNSER KIND IST IM TUMBLER EINGESPERRT!»

Sein Kommentar: «Das hast du davon – tausendmal schon habe ich dir gesagt, lass diese Tumblerei. Klammere den Kleinen einfach an die Wäscheleine.»

DER «KLEINE» IST SNOOPY.

UND SNOOPY BESTEHT AUS DIESEM WOHLIGEN PLÜSCHSTOFF, DER MIR DIE NACHT MACHT UND BESSER WIRKT ALS BELLADONNA.

Ich meine: Ohne Snoopy kann ich nicht schlafen. Und obwohl alle Freunde hinter meinem Rücken mies reden («MIT 72! PENNT MIT EINEM PLÜSCHHUND – DER HAT DOCH EINEN AN DER WAFFEL!»), ist mir das wurscht! JAWOHL, MEINE LIEBEN – WURSCHT MIT -SCH-!

Als Innocent und ich vor einem halben Jahrhundert die Zweierkiste starteten, war der Wunsch nach Kindern da.

ABER NICHTS ZU MACHEN! Und das darf in jeder Hinsicht so verstanden werden.

JEDENFALLS – SNOOPY WURDE MEIN BABYERSATZ.

Okay. Das Baby wäre jetzt vermutlich auch schon Grossvater.

ABER DAS WUNDERBARE AN SNOOPY: ER WUCHS NIE ZU EINEM DIESER SCHRECKLICHEN BÄLGER HERAN, DIE SICH KILLERSPIELE ZUM GEBURTSTAG WÜNSCHEN. ODER – NOCH SCHLIMMER – SPÄTER IN DIE POLITIK EINSTEIGEN.

Snoopy ist klein geblieben. Immer im Plüschalter.

Und wenn er heute auch als etwas «démodé» gilt und ihm sein edler Rang von diesen blutrünstigen Gummimonstern abgelaufen worden ist: ER BLEIBT MEIN KIND. UND DA LÄSST EINE MUTTER NICHTS DRAUF KOMMEN.

Im Übrigen ist Snoopy pflegeleicht: Waschmaschine, Schongang und dann eben Tumbler. Snoopy stellt danach sein Plüschhaar wie am ersten Tag.

AUCH WENN ES ZWEI WOCHEN BRAUCHT, BIS ER INNERLICH GANZ AUSTROCKNET.

Innocent steht also kopfschüttelnd vor der verschlossenen Tumbler-Büchse. Mein Freund hat goldene Hände. Er haucht jeder noch so toten Espressomaschine wieder Dampf ein. Er bringt lahme Föhne wild zum Blasen.

UND ER FLICKT DIE GUMMIPNEUS UNSERES ROLLATORS EIGENHÄNDIG!

Ich meine: Solche Männer muss man erst einmal finden!

Nun also werkelt er am Innenleben des Tumblers herum, während ich aufmunternde Worte zur verschlossenen Tür spreche: «Ganz ruhig bleiben, Snoopylein… der liebe Innocent holt dich hier raus… und dann gibts ein Extra-Gudi für mein Schnauserli.»

Das Extra-Gudi ist natürlich nur so dahergesagt. EIN PLÜSCHHUND KANN JA SCHLIESSLICH NICHT KAUEN.

SO SENIL BIN ICH NICHT.

Aber Snoopy bekommt als Trost für die erlittenen Strapazen einen Spritzer Chanel N° 5. Ohne gross Reklame zu machen: Mein Kleiner steht auf Chanel N° 5. Ich vermute fast, er ist ein bisschen tuckig geraten. UND DIES OBWOHL INNOCENT UND ICH UNS ALLE MÜHE GEGEBEN HABEN, DEN PLÜSCHHUND IM HETEROSEXUELLEN SINNE GROSSZUZIEHEN.

Das erste Mal seit 28 Jahren wirft Innocent nun das Handtuch.

Damals war es das Heizkissen seiner lieben Oma, das trotz Einziehen neuer Wärmefäden so kalt blieb wie ein Gefrierfach in der Leichenhalle. Und jetzt also: «Wir brauchen einen Techniker – der büxt uns den Kleinen da raus!»

Und noch einmal: «Ich habe dir immer gesagt, man gibt sein Kind nicht in den Tumbler!»

BLÖDER BESSERWISSER!

Als der SOS-Klempner von Miele auftauchte, warf ich mich dem Herrn in der weissen Überhose dramatisch an die Brust.

«MEIN KIND STECKT DA DRIN!», zeigte ich hysterisch auf den Tumber.

ER SCHAUTE SO ENTSETZT, ALS HÄTTE ICH IHM DIE HOSE ZUR FERSE GEZOGEN.

Innocent zwinkerte ihm zu. Zeigte auf mich. Und tippte sich stumm, aber vielsagend an die Stirn.

DAS SIND FREUNDE!

Irritiert fädelte der Miele-Mann einen Computer-Chip aus den Eingeweiden des Tumblers heraus. Ersetzte das daumennagelgrosse Kärtchen.

Und – dlagg! – öffnete sich die Tür.

«MEIN KIND!», umarmte ich den geretteten Plüschhund, «MEIN ALLERLIEBSTER WONNEPROPPEN!»

«WONNE-TROPFEN» HÄTTE ES BESSER GETROFFEN. SNOOPY TROPFTE NÄMLICH TROTZ DER LANGEN SCHLEUDERFAHRT NOCH EIN BISSCHEN AUS DEM BAUCH.

Und sein unverwüstliches Lächeln hatte sich in Fäden aufgelöst. Ich sprühte ihn dennoch mit Chanel N° 5 ab.

Das Entsetzen ist keinen Moment mehr aus den Augen des Klempners gewichen.

Innocent schaute ihn wissend an. Er tippte sich noch einmal an die Stirne. Und zeigte erneut auf mich: «Ich weiss, wie Sie sich fühlen – lieber Mann. FÜR MICH SIND SOLCHE MOMENTE ALLTAG. Aber man darf ihn nicht für voll nehmen.»

Und dann quatscht ers auch hier wieder raus: «Der gescheite Herr hört ja auf niemanden – seit einem halben Jahrhundert schon predige ich ihm: Vergiss den Tumbler. Es schadet dem Kleinen nach dem Waschgang. UNSER KIND GEHÖRT AUFGEHÄNGT!»

ES WAR DER MOMENT, ALS SICH DER HERR VON MIELE MIT EINEM ERSTICKTEN SCHREI HEKTISCH AUS DEM STAUB MACHTE.

Dienstag, 22. Januar 2019