Königskuchen

Rosa schob die kleine Prise Arsen in Kugel -4-.

Louise sollte nicht Königin werden. Sondern ein Engelchen…

ZUR HÖLLE MIT IHR!

Geschickt kneteten Rosas dünne Finger die Kugel wieder zu. Es kam etwas Puderzucker über die Wundstelle. UND DER DREIKÖNIGSKUCHEN AUF DEN TISCH.

Schon als Kinder sind sich die beiden Schwestern in den Haaren gelegen. Es waren verwöhnte Balgen, mit Daisy-Duck-Schleifen und affigen Puff-Ärmelchen. Von ihrer Mutter wurden die Gören «meine Prinzesschen» genannt.

«DU SCHÜTTEST IHNEN ZU VIEL ZUCKER IN DEN ARSCH!», hatte der Vater gepoltert.

Aber wer hörte schon auf Metzger Meier. Der Schlächter hatte Hände wie zwei Klodeckel. Das Sensible war nicht seine Art. Und die einzige Freude, die er seinen beiden Töchtern bereiten konnte, war, die Schweine abzustechen.

«Nicht vor den Augen meiner Prinzesschen», jammerte die Mutter.

Doch die kleinen Teufelsbraten liebten es, wenn das Blut aus der quiekenden Sau rausspritzte.

DA MUSSTE SICH KEINER WUNDERN, DASS DIE WEIBER SPÄTER LEDIG BLIEBEN.

Sie schwärmten ihren Verlobten auf dem Liebesbett von den abgestochenen Schweinen vor. Die Männer haben sich in Panik aus dem Staub gemacht.

Der Vater fiel eines Tages im Vollsuff in den riesigen Blitz, der Sauschwarten zu Brät pürierte. Metzger Meier pürierte mit. Es ist nicht überliefert, ob er auch verwurstet wurde.

DIE MUTTER SCHLOSS DAS GESCHÄFT NACH EINEM JAHR – UND DIE AUGEN NACH ZWEI WEITEREN FÜR IMMER.

Die Schwestern blieben im Haus. Sie spielten «Elf heraus». Oder «Mensch ärgere dich nicht». Aber natürlich ärgerten sie sich. Und zwar einander. Sie schäumten bei Niederlagen. Warfen mit Holzfigürchen um sich. Und knallten einander das Spielbrett über den Schädel.

SIE HÄTTEN SICH AN DER QUEEN EIN BEISPIEL NEHMEN KÖNNEN!

Die hat im Dame-Spiel stets eiserne Disziplin bewahrt.

UND NUN ALSO: KÖNIGSKUCHENTAG.

Es war ein Zeremoniell: Bäcker Becker hatte die Kugeln für die Schwestern Meier zu nummerieren. Dann musste er zwischen 1 und 6 das Glücksfigürchen reinschieben.

ROSA NAHM STETS DIE KUGEL -1-.

LOUISE DIE -4-.

JAHR FÜR JAHR.

Die Weiber waren so fantasielos wie ein Fernsehprogramm an Weihnachten.

VIER JAHRE HINTEREINANDER HATTE SICH LOUISE DIE PAPIERKRONE GEHOLT!

Vier Mal hatte sie zu ihrer Kugel Nummer -4- gegriffen. Und dann mit teuflischem Grinsen das Königsmännchen aus den dünnen Lippen gezogen.

Rosa musste herausfinden, dass Louise mit Bäcker Becker einen Deal hatte – der backte den Kuchen ohne Glücksinhalt. Und gab Louise die Macht direkt in die Hand.

Rosa tobte. Und machte die beiden frisch Ertappten im Bäckerladen zur Sau!

NUN KAM DIE RACHE:

Arsen. Und Puderzucker zum Abdecken.

Als Louise zu ihrer Kugel griff, zitterte Rosa in Vorfreude, wie beim Eile-mit-Weile-Spiel, wenn sie die Rivalin aufs Bänkchen zurückversetzen konnte.

«Schmeckt gut», sagte die Schwester noch.

Dann rutschte sie unter den Tisch. Und liess die Zunge raushängen – wie damals die geschlachteten Schweine.

JUBILIEREND BISS ROSA IN DIE -1-.

DER JUBEL DAUERTE DREI SEKUNDEN.

Dann hatte auch sie die Zunge raus.

Die Polizei fand heraus: Kugel -1- war ebenfalls mit Arsen gefüllt.

Wie gesagt: die Weiber hatten null Fantasie!

Der König steckte übrigens in der -3-.

Freitag, 4. Januar 2019