Glossen

Dampfeisenbahn

Erna zupfte energisch eine Blüte ihrer Geranie weg: «Hubeeeert…!»

Hubert hockte vor seiner Modelleisenbahn.

Seit er pensioniert war, fuhr hier alles wieder auf Volldampf.

Er hatte die Anlage am ersten Tag, als er nicht mehr Malochen gehen musste, vom Estrich geholt.

Kiste für Kiste hatte er ins Gästekämmerchen der Dreizimmerwohung angeschleppt. Dann warf er das Dörrblumensträusschen auf dem Nachttisch in den Papierkorb. Und kippte das breite Notbett an die Wand.

Erschienen am: 
Freitag, 22. Juni 2018

Marienkäfer

Lilli sah den kleinen, roten Fleck an der Fensterscheibe. Sie setzte die Brille auf: TATSÄCHLICH – EIN MARIENKÄFER.

Der rote Punkt mit den sieben schwarzen Tupfen auf dem abgerundeten Körper bewegte sich nicht.

Lilli streckte die Fingerkuppe hin: «Komm!», flüsterte sie.

Nichts tat sich.

Sie gab dem Käfer einen kleinen Schubs.

Er blieb, wo er war.

Lilli schüttelte den Kopf: «Ich dachte, deine Gattung sei längst ausgestorben. Man sieht euch ja kaum mehr…»

Erschienen am: 
Freitag, 15. Juni 2018

Spitze Nase

«Ich bringe diese Giftschleuder um…!»

NA GUT – ES WAREN KEINE SALONFEINEN GEDANKEN, DIE DA DURCH WERNERS KOPF JAGTEN…

Aber irgendwie können wir ihn auch verstehen: Margret war eine Plage.

Von morgens bis abends nörgelte sie an ihm herum.

MARGRET WAR EINE ÄUSSERST UNSYMPATHISCHE PERSON. RECHTHABERISCH. EIGENWILLIG. UND MIT EINEM KINN, DAS BÜHNENHEXENREIF WAR.

Nun fragen wir uns, weshalb hat Werner so ein Brechübel geheiratet?

Erschienen am: 
Freitag, 8. Juni 2018

Bibbälä

ES WAR EIN SCHOCK.

Die Mutter sperrte entsetzt die Augen auf: «DAS NICHT AUCH NOCH!»

Die Hebamme erstarrte. Und versuchte es auf die gütige Art: «Es ist jetzt vielleicht ein bisschen schlimm – aber Menschen mit einem Down-Syndrom können ein grosses Geschenk sein. Sie sind sensibler als ihre Umwelt. Und sie können uns das Glück des Lebens aus ihrer Sicht näherbringen!» «BRINGEN SIE ES WEG!» – schrie die Frau hysterisch.

Die Hebamme drückte den Kleinen fest an sich: «Das wird schon werden, mein Kind…»

Erschienen am: 
Freitag, 1. Juni 2018

Die Bank

Die zwei Alten sitzen auf der Bank.

Es war das Erste, das sie sich damals angeschafft haben: die Bank vor dem Haus.

Jedes Jahr wurde sie frisch gestrichen.

Seit nun fast 40 Jahren schauen sie hier im Sommer zu, wie der feurige Sonnenball am Horizont hinter dem Berg untergeht.

Im Juni wirft die Kugel ein rotes Kleid über die grauen Felswände. Ganz langsam erlischt die Farbe – wie die Hitze auf einer abgestellten Herdplatte.

Erschienen am: 
Freitag, 25. Mai 2018

Big Ben

«1200 Franken!» – Nico schrie es fast.

Herr Knöll, der Uhrmacher lächelte sanft:

«Es waren viele Arbeitsstunden. Und ich musste eines der Messinggewichte auswechseln…»

Nico schaute die Uhr seiner Grossmutter an. Es war eine «Big Ben» – und es war ein Stück Kindheit.

Zu Hause war immer Zoff gewesen. Schliesslich war sein Vater ausgezogen. Und seine Mutter schüttete sich mit Rotwein voll.

Erschienen am: 
Freitag, 18. Mai 2018

Der Stock

«Papa – das sieht echt heiss aus!»

Nancy versuchte, ein entzücktes Gesicht zu machen.

Aber Karl bellte sie gleich an: «BLÖDSINN. EIN MANN AM STOCK IST NICHT HEISS… ER KLOPFT DAMIT AN DIE TÜRE ZUM JENSEITS!»

«Chaplin hatte auch einen Stock…», versuchte es die Tochter jetzt gütig, «dann Maurice Chevalier… oder Heesters. Er wurde 108 Jahre alt. DIES MIT STOCK!»

«Ja», nickte Karl grantig. «…aber ich bin nicht Heesters. Und ich will auch nicht ein 108-jähriger Dandy werden!»

Erschienen am: 
Freitag, 11. Mai 2018

Kinder

Milli packte ihre Einkäufe in die Papiertasche: 3 Äpfel, 1 Kopfsalat, 6 Eier. Die Tasche nahm sie stets von zu Hause mit. Milli war alt. Aber noch lernfähig. Und sie wusste, was sie der Umwelt schuldig war.

Sie machte sich auf den Weg – rechts der Gehstock. Links die Einkäufe. In der Mitte: das traurige Elend. Ach was! Milli wollte nicht hadern. Der Staat sorgte mit einer guten Pension für sie.

Erschienen am: 
Freitag, 4. Mai 2018

«Andere Söhne...»

Elvira sah sich um.

SIE SAH ROT.

SIE SAH PLÜSCH.

SIE SAH KRISTALL.

«Wunderbar», seufzte sie. «Einfach grossartig!»

Es war Michi gewesen, der sie mit einer «Reise nach Wien» und einem Opernticket für «Bohème» überrascht hatte.

MICHI WAR ANDERS ALS SEINE GESCHWISTER.

Als er mit zwölf für Freddy Quinn und Zuckerwatte schwärmte, wusste Elvira: Mit 15 wird er sich ein Lidschatten-Set zum Muttertag wünschen.

Wie gesagt: Er war anders. Und Elvira haderte nicht damit.

Erschienen am: 
Freitag, 27. April 2018

Wir schaffen das!

Wir schaffen das!

Myrtha drückte den Knopf.

Das Zeichen mit dem grünen Telefon vibrierte. Es zuckelte wild.

ACH NEIN!

Myrtha jammerte auf. Sie musste wohl zu lange gedrückt haben. Das grüne Telefon-Signet verabschiedet sich in diese elektronische Wolken-Welt, die sie nie verstehen wird.

Ihre Enkelin Louise hatte ihr das Handy im letzten Mai zum Muttertag aufgerüstet.

Dazu gab es die obligaten drei Töpfe mit Geranien.

Erschienen am: 
Freitag, 20. April 2018

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