Glossen

Märzenmorgen

Lina sass auf der Gartenbank. Noch zeigte sich die Natur grau. Dennoch ahnte man den Frühling - er warf da und dort einen grünen Schleier über die Wiese.

Erste Krokusse streckten sich zum Himmel. Wie winzige Farbtupfer auf der Malerpalette gaben sie Lina ein Zeichen: HALLO - DER WINTER IST VORBEI!

Lina fröstelte. Noch war es kühl. Sie zog ihren Mantel enger an sich.

Seit einem halben Jahr war Lina Witwe. Klaus hatte an einem Oktobermorgen einfach tot neben ihr gelegen. Also d e n Schreck muss man zuerst mal verdauen!

Erschienen am: 
Freitag, 27. März 2020

Mit Hammer und Cannabis

Es war drei Uhr morgens.

Rosa knallte den Hammer gegen die Scheibe. Die Scheibe war neu.

Rosa nicht. Sie hatte eben den 79. Geburtstag hinter sich.

ES KLIRRTE. UND ROSA WEIBELTE, SO SCHNELL SIE KONNTE, ÜBER DIE STRASSE.

Sie hatte ihre Haustür offen gelassen. Also: nichts wie rein! UND VOR ALLEM: KEIN LICHT!

Rosa lehnte sich im Dunkeln an die Gangwand. Ihr Herz hämmerte wie eine Nähmaschine: dlagg... dlagg... dlagg.

Erschienen am: 
Freitag, 20. März 2020

Von Bettsocken und dem jüngsten Fotomodell...

Meine Kinderzeit verlief krisenfrei. Seuchenfrei. Panikfrei. Ich meine: Normalo-Welt. Die Frauen der Vaterseite strickten. Irgendwie gehörten die tickernden Nadeln zu ihnen wie der hausgebackene Zopf zum Sonntag. Die Kembserweg-Omi klapperte ihr Nadelspiel auf dem Sofa. Ihre Finger wuselten über die Maschen. Sie zählte laut vor sich hin. «Wie soll sich da einer auf die Börse konzentrieren!» - knurrte Carlotta am Tisch. Meine Mutter hockte vor riesigen Papierbögen. Mit einem Rotstift kreiste sie Zahlen ein. Und betrieb ihr Aktien-Monopoly.

Erschienen am: 
Freitag, 13. März 2020

Das Kostüm

«Huuugi - welches Kostüm nimmst du für dein Zyschtigs-Ziigli?»

Luggi stand stirnrunzelnd im Bügelzimmer - den Fasnachtskasten weit offen. Sie war sauer. Der Kasten überquoll an bunten Kostümen.

Gestern noch hatte sie zu ihrer Freundin Irma am Telefon gestänkert. «Bei mir dreht er jeden Rappen um. Aber für die Fasnacht werden die Räppli mit beiden Händen rausgeworfen. Jedes Jahr ein neues Kostüm. Dann noch eines für den Zyschtig - und mir vergällt er ein neues Gucci-Deuxpièces...»

Erschienen am: 
Freitag, 28. Februar 2020

Die Mehlsuppen-Probe

schaute Martin lange an: «Ich bringe das nicht!»

Tiefer Seufzer: «Deine Mutter findet mich eh das Letzte. Keine, die nicht in ihren Kreisen schwimmt, kann diese Mehlsuppen-Probe bestehen...»

Vorgeschichte: Anke kam als deutsche Studentin aus Berlin nach Basel. Auf der Uni traf sie erstmals Martin - bei beiden Schlug der Blitz ein.

Aber eben - als der Sohn seine künftige Braut ankündigte, herrschte Stille im kühlen Esszimmer.

Dann: «Was ischs fir e Gebooreni?» (deutsch: AUS WELCHEM STALL KOMMT SIE?)

Erschienen am: 
Freitag, 21. Februar 2020

Interview mit der Königin

Die Sängerin empfing die TV-Crew in der Mozart-Suite des Sachers.

Interviews langweilten sie. IMMER DIESELBEN STUPIDE... Und natürlich würden auch die wieder den Unfall von Barbara Barbari zum Thema machen.

Die Primadonna schaute jetzt mit jenem professionellen Lächeln, das sie von China bis ins Glottertal berühmt gemacht... hat zur Crew: «Dann wollen wir mal...»

«Pipinella Zwitscherini - Sie gelten als weltweit beste Königin der Nacht...»

Sie (bescheiden abwinkend): «Wenn SIE es sagen...»

Erschienen am: 
Freitag, 14. Februar 2020

Windige Probleme...

Louise sass dem Arzt gegenüber. Sie: Im kleinen Schwarzen, das auch nach 50 Jahren noch seine Dienste tat. Dazu: Perlenkette. Einreihig. Und eine Tasche von Hermès.

Er: Weisse Kittelschürze. Bürstenschnitt. Nickelbrille.

Auf der einen Seite also die dezente Eleganz, welche Jahrzehnte überdauert - auf der anderen Seite: die Medizin, die sich jeden Tag mit Lichtgeschwindigkeit weiterentwickelt. Und hier in der weissen Schürze daherkommt.

LOUISE WAR DIE SACHE SO WAS VON PEINLICH. ABER DAS PROBLEM MUSSTE AUF DEN TISCH.

Erschienen am: 
Freitag, 7. Februar 2020

Fasnachts-Integration

Hans liebte Mimosen. Seine Frau hasste sie: «Bleib mir damit vom Gürtel, Hans! Du weisst, dass mir dieser süssliche Duft Kopfschmerzen bereitet... » Hans liebte Fasnacht. Seine Frau hasste sie. Das mit den Mimosen musste dann so kommen.

Herta jammerte zu ihrer Freundin Vera: «AB SEPTEMBER KANNST DU MEINEN ALTEN ABSCHREIBEN. NACH DER SUJET SITZUNG KLEBT IHM NUR NOCH FASNACHT IM HIRN. SELBST AM WEIHNACHTSBAUM BAUMELTEN SECHS TROMMELNDE WAGGIS!»

Erschienen am: 
Freitag, 31. Januar 2020

Umweltsau

Rosa liebte ihre Enkel.

ISJAKLAR!

WELCHE GROSSMUTTER WIRD NICHT PFLUDDERWEICH, WENN DIE KINDER «OMI - RÜCK MAL EIN NÖTCHEN RAUS!» RUFEN.

Nun - Rosa war mit Nötchen nicht üppig gesegnet. Schon eher im Gegenteil. Sie holte die magere Rente am Monatsanfang auf der Bank ab. 20 Franken davon liess sie direkt auf ein Sparkonto überweisen - DAS WAR FÜR FÜR DIE BEERDIGUNG.

Erschienen am: 
Freitag, 24. Januar 2020

Filet nach Landfrauen-Art

Susi zupfte an einer Serviette.

Sie war nervös. Immerhin ging es heute Abend um Paddys berufliche Zukunft. Der Job des Direktors war vakant. Und Unternehmer Bitterli hatte sich zum Nachtessen angemeldet.

Er war schon vorher bei verschiedenen Bürokollegen von Paddy zum Essen gewesen (alles hoffnungsvolle Kandidaten). Und immer mit den Worten «...so können wir einander einmal ungezwungen kennen lernen!».

JA, HALLO - W O DEN UNGEZWUNGEN?

Erschienen am: 
Freitag, 17. Januar 2020

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