Von den Wölfen auf der Insel

Illustration: Rebekka Heeb

WIR HABEN WÖLFE!

Innocent hat sie als Erster entdeckt.

Er sass bei seinem Abendschoppen. Köpfte ein zweites Fläschlein. Und strich sich über die runzligen Augensäcke. Dann streckte er die Hand nach meiner aus: «Pssst! Beweg dich nicht …»

IST JA TYPISCH. NACH 49 JAHREN MAL EINE ZÄRTLICHE GESTE.

UND SCHON WIEDER PAUSE!

Ich klopfe auf seine Finger: «Nanana …»

«PSSSSST!»

Er zeigt mit dem Kopf stumm in Richtung Katzengeschirr.

DORT DRIN SIND RESTEN-MAKKARONI AN BOLOGNESE-SUGO UND …

Jetzt sehe ich es auch: Zwei graue Vierbeiner machen sich über das Katzenfressen her.

«OH GOTT … WÖLFE?», flüstre ich.

Dann werde ich abrupt energisch. Wölfe sind nett im Bilderbuch, wenn sie die Grossmutter fressen.

ABER NICHT AN MEINEM KATZENGESCHIRR!

Ich klatsche in die Hände. Da jagen die Scheisser auch schon davon – mit eingezogenem Schwanz. Und drei Makkaroni im Schlund.

«Spinnst du!», tobt Innocent. (Vor drei Minuten hat er noch Händchen gehalten!)

«Das hätte ein Knüller-Foto auf Facebook gegeben! Du bist ja wirklich so etwas von blöd …»

IST MANN BLÖD, WENN ER DEN WOLF NICHT INS HAUS LÄSST?

SCHON DIE GEISSENMUTTER WUSSTE ES BESSER!

Um ihn auf die Erde zurückzuholen, lache ich Innocent aus: «Das waren wilde Hunde. Aber keine Wölfe. Punkto Zoologie bist du bei den Meerschweinchen stehen geblieben.»

Aber schon ufert er jammernd aus: «Da sieht man einmal im Leben Wölfe in freier Natur – und du Riesenhirn klatschst diese einfach weg. Das Leben auf der Insel besteht nicht nur aus Katzen und Wildschweinen.»

Eine unserer ellenlangen Girondischen Schlingnattern hängt dösend an einem der ausgedörrten Palmblätter. Thematisch will sie sich so auch noch ins Gerede bringen.

Die Schlingnattern sind unsere Trumpfkarte bei Feriengästen, die nie mehr abreisen wollen.

Wir würzen den Apéro mit der harmlosen Bemerkung: «Letzte Nacht waren wieder drei Schlangen vor den Zimmern.»

Das wirkt.

Die Gäste packen sofort.

«Es waren wilde Hunde mit einem Wolfshunger», versuche ich es jetzt auf die ruhige Art. «Das ist absolut kein Grund, gleich auf Wolfsdramatik zu machen.»

Dann sagt Innocent das, was auch die Kembserweg-Omi immer wieder gesagt hat: «Was ich gesehen habe, habe ich gesehen!»

Am andern Tag kann es mein guter Freund nicht lassen. Er beharrt auf dem Wolfsbesuch. Und erzählt es brühwarm unserem Gärtner.

Nun macht sich Gianni ja schon bei Liesels Miniatur-Pinscher mit dem lächerlichen Namen «Miss Lollipop» in die Hose. Er hat einen Riesenbammel vor Hunden. Und wenn er bei Frauen auch immer den wilden Löwen gibt und sich dabei konstant die alten Eier reibt – zeig ihm einen Schosshund und es hat sich ausgeeiert!

Er zittert nun. Macht eine fahrige Geste zu seinem Zigarettenpäckchen. Und lässt alles zu Boden fallen: «Lupi! LUPI! Die haben auch Lämmer gerissen. Und jemand hat sie am Hafen mit drei Katzen im Maul vorbeijagen sehen …»

Die Geschichte geht folgendermassen: Irgendwelche grünen Gutmenschen haben auf dem Festland in Ansedonia ein Wolfspärchen ausgesetzt. Dies alles, um der Natur das Gleichgewicht zurückzugeben. Und weil hier neben der alten Leonora, die bei jedem sich anbahnenden Unglück losjaulte, in der Maremma immer Wölfe geheult haben, soll es wieder so sein.

IN NATURAE NAMEN. AMEN.

Nur: Es gab früher mehr Schäfer. Und auch mehr Lämmer rund um Ansedonia .

Heute hausen die Neureichen auf den einstigen Schafweiden. Sie haben ihre Villen gebaut. Und Schäfer wie Schafe vertrieben.

Dafür gibt es Herden von Ferraris und grobschlächtigen Mercedes-Vans. So scheren die Schäfer keine Schafwolle mehr. Sondern waschen Autos. Und pumpen Pneus auf. Das ist die heutige Art für sie, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Das ausgesetzte Wolfspaar war also ziemlich hungrig. Die zwei, drei Wildkaninchen, die man bei der Jagd zu schiessen vergessen hatte, waren schnell mal weggeputzt. Und die Wildsau zu wild.

ALSO MÜSSEN SICH AUCH WÖLFE NEU ORIENTIEREN.

Das Paar – Frau Wolf war guter Hoffnung – machte sich also auf den langen Damm, der die Halbinsel mit dem Festland verbindet. Denn auf dem Damm gibts Damwild – und Wölfe sind ja nicht dämlich.

Natürlich haben die grünen Menschen auch die Rehe geschützt. Man darf beispielshalber nicht mit dem Auto über den Damm brettern. Nur mit dem Velo – allerdings diese mit Hilfsmotor.

So kommt es, dass die Reiseunternehmer am frühen Morgen, wenn der Tag noch lieblich frisch ist und die Sonne noch nicht so heiss wie ein Pizzaofen durch die Pinien brennt, Horden von Velofahrern aus Kleinbussen ausladen.

Es sind immer z w e i Camions: In einem fahren die Fahrräder, im andern die aufgeweckten Ferien-Reisenden aus Bad Ischl oder Murten am See.

ES LEBE DIE NATUR!

Fröhlich setzen sie sich dann auf ihre Sättel. Und zurren durch die gut geschützte Umgebung. Manchmal locken sie die Rehe mit «Prinzenrollen» oder dem Rest eines veganen Gipfelis herbei. Jedenfalls: Friede pur!

BIS DIE WÖLFE KAMEN! – SICH WUNDERBAR IM PARADIES VERMEHRTEN.

UND NUN AUCH DIE INSEL BELAGERN.

«Wir dürfen sie nicht schiessen», jammert Gianni. «Dabei haben sie schon Maremma-Kälber gerissen. Und auch vor Armandos Esel haben sie nicht haltgemacht.»

DAS ARME TIER! ARMANDO HAT ES IMMER GESCHLAGEN UND – SO MUNKELT MAN – MIT IHM NOCH SCHLIMMERES ANGESTELLT …

Jetzt ist es im Himmel und hats gut.

INNOCENT SCHAUT MICH TRIUMPHIEREND AN:

«Was habe ich gesagt: E s w a r e n W ö l f e!»

Er muss einfach immer das letzte Wort haben.

Dienstag, 19. Juni 2018