Sächsilütteplatz

Liz schaute über den grossen Platz.

Dann auf ihre Uhr: «Klar – Mia kommt wie immer zu spät.»

Dort wo bei andern ein Wecker in den Ganglien tickte, tickte bei Mia nur etwas: «KERLE! KERLE! KERLE!»

Liz schaute einem jungen Mann zu, der sich von den Wasserfontänen des Springbrunnens vollspritzen liess. Er hatte kurz gestutztes Kopfhaar. Eine schwarze Brille mit dickem Rand. Und er trug einen grauen Bankieranzug.

«Der hat klar einen an der Waffel» – dachte Liz.

Der Platz flimmerte in der Sommerhitze. Es gab keine Menschen, kein Leben. Nur Liz, die einmal mehr leicht säuerlich auf die Armbanduhr schaute. Und der Mann, der jetzt tropfend vom Brunnen wegschlenderte. Er sah aus, als hätte er nach der «Titanic» getaucht.

«Du musst es sehen – einfach GENIAL» – so hatte Mia ihr den neuen «Sächsilütteplatz» am Telefon heiss geschildert. Und:

«Zürich hat damit den grössten öffentlichen Platz der Schweiz – er zieht grössenmässig fast mit San Marco oder dem Römer Petersplatz gleich. Was sagst du jetzt...?»

Liz hatte nichts gesagt.

Sie kannte den Hang zum Zürich-Gigantismus nur zu gut. Schon damals, als sie diese drei unglücklichen Jahre in einem Architekturbüro am Rennweg gedarbt hatte (und dort Mia kennenlernte) gingen ihrem baslerischen Understatement die überschwängliche Wichtigtuerei der Rolex-Bevölkerung in der Limmat-City auf den Wecker.

«Ihr kennt Louis Vuitton, aber keine Kultur!», hatte sie oft die Nase gerümpft.

Und: «Was stänkert ihr Bebbi eigentlich immer gegen die Zürcher!», hatte Mia gegrinst, «Ist es der Neid?»

War es das?

Liz konnte nicht genau definieren, was es war, das ihr in Zürich die Nackenhaare stets hochstellte. In dieser Stadt fühlte sich das Leben an, als würde es eben aus Seidenpapier ausgepackt. Der Alltag war wunderbar eingebettet. Gegen jeden Druck abgefedert.

Typisch Schweiz?

Liz ärgerte sich jetzt über ihre Gedanken: «Typisch Schweiz wäre Pünktlichkeit...», knurrte sie. Bestimmt war Mia wieder von einer satten Hose aufgehalten worden...

Liz schaute nun zur Oper. Sie wurde renoviert. Der öde Platz davor liess das Gebäude winzig erscheinen – fast wie ein Barbie-Haus. Nicht die Freitreppe von München, nicht die gigantischen Fenster von Wien... nein: schweizerische Niedlichkeit. Perfekt bewahrt – sauber geputzt.

Endlich tauchte Mia auf. Sie winkte von Weitem. Zog ihre Pumps aus. Und rannte auf Liz zu: «Ein Schnäppchenkauf! Deshalb die Verspätung. Entschuldige Liebes...» – dann drückte sie die Freundin an sich: «Du siehst unverschämt gut aus... EIN MANN?»

War ja wieder Mal typisch – Mia konnte an nichts anderes denken, als an Männer. Naja, vielleicht noch an Schuhe...

«Und was sagst du?» – Mia streckte die Arme auseinander, um so die Weite einzufangen: «Ist es nicht riesig... RIESIG?!»

«Ja», lächelte Liz.

Sie wollte Mia die Freude nicht verderben, wollte nicht auf die Sterilität des Ortes hinweisen – darauf, dass er von irgendwelchen Architekten perfekt geplant worden war. Aber keine Seele hatte: Eleganz in Totenstarre.

«Lass uns tanzen!», sagte Liz plötzlich.

Sie zog Mia zum Brunnen mit den Wasserspielen.

«BIST DU VERRÜCKT!?»

Da lachten die zwei Frauen auch schon inmitten der Fontänen. Sie waren ausgelassene Mädchen. Pudelnass. Und ein bisschen verrückt.

Sie hatten dem Platz Leben eingehaucht...

Und für einen kurzen Moment den sterilen Alltag aus dem Seidenpapier geholt...

Montag, 24. August 2015