Père Lachaise

Der Pariser Friedhof Père Lachaise ist spektakulär.

Die Grabplatte Nummer 16259 ist es nicht.

Ein Stück Stein mit verblassten Buchstaben lässt ein Urnengrab vermuten. In einer angeschraubten Kunststoffvase welkt eine Rose.

Monsieur Ernest zieht die tote Blume mit einem Brummen heraus: „ROSEN!“ – knurrt er. „Sie hat Rosen gehasst…“

Eine kleine Gruppe amerikanischer Touristen, von denen jeder zaghaft eine langstielige Baccara in den Fingern dreht und nun nicht weiss, wohin damit, schaut den alten Mann neugierig an: „Sie haben sie gekannt?“.

Monsieur Ernest wächst um drei Zentimeter: „Das will ich wohl meinen. Sie hat mir ihr letztes Interview gegeben. Ich bin Journalist…“

John, der Reiseleiter der Reisegruppe, tritt hervor: „Das ist ja sehr interessant. Wir sind aus Ohio. Und wir kommen zum Père Lachaise, um der Callas ein paar Blumen aufs Grab zu legen…“

Er hüstelte: „…leider haben wir nicht gewusst, dass die Diva Rosen gar nicht mag!“.

„Schwertlilien“, sagt Ernest. Und zaubert so eine Blume hervor, „sie mochte Schwertlilien. Aber wie mir Maria sagte, habe man das nie erkannt. Jeder wollte ihr Rosen schenken…“

„…and diamands!“, haucht eine üppige, strohhelle Blondine.

Ernest schaut sie genervt an: „…ihr Apartment war voll von SCHWERTLILIEN. Sie sagte: „Ernest – diese Blume hat keinen süsslichen Duft. Aber starken Charakter. Ich habe mich nie als Rose gesehen. Sondern als Schwertlilie…““

Ernest drapiert nun die Schwertlilie in die kleine Vase am Grabstein.

„War sie wirklich so zickig?“ – unterbrach die Blondine den feierlichen Moment.

Ernest lacht spöttisch: „Blödsinn. Das war doch nur, was man heute ein „Branding“ nennen würde. PR – verstehen Sie…?“

Der Gruppenleiter nimmt den Franzosen nun zur Seite: „Wir würden uns sehr freuen, wenn sie mit uns zum Mittagessen kommen würden. Es wäre wunderbar einen Freund der verehrten Maria Callas bei uns zu haben…“

„ähemm…“

„Wir würden uns die Sache auch etwas kosten lassen…“ stoppt der Gruppenleiter jegliches Zaudern.
Monsieur Ernest büschelt nochmals seine Schwertlinie in Stellung. Und macht dann mit den verschiedenen i-phones Aufnahmen vor dem Grabstein der Primadonna.

Beim Mittagslunch im Ritz stellt sich dann heraus, dass auf den Bildern die Gruppe, aber keine Grabplatte zu sehen ist. Doch Monsieur Ernest wischt solche Bagatellen kauend vom Tisch: „Spielt eh keine Rolle. Maria ist gar nicht auf dem Père Lachaise begraben. Sie hätte das nie gewollt. Aber die Pariser haben einen Spleen mit dem Friedhof und seinen grossen Namen…Chopin, Proust, Yves Montant – alles dort“.

Nun halten alle beim Kauen des glacierten Hühnerbeins inne: „…Sie meinen, die Callas ruht nicht in der Urne hinter der Grabplatte?“

Ernest schmatzt gemütlich: „Nein. Die Asche ist - wie Maria es im Testament ausdrücklich verlangte – im jonischen Meer ausgestreut worden“.

„Sie wollte Onassis nahe sein“, schluchzt die Strohblonde auf.

Als Monsieur Ernest mit 16 Baccararosen daheim auftauchte, fauchte ihn seine Frau an: „Hast du bei der Callas wieder die Schwertlilien-Journalisten-Story zum Besten gegeben…?“

Sie knallte ihm einen erkalteten Croque Monsieur auf den Tisch.

„Ich habe schon soupiert…“, sagte Ernest hochmütig.

In Gedanken war er beim Grab der Piaf. Er würde morgen eine Mimose zu ihrem Stein bringen: „Sie sah sich nie als Rose – sondern als Mimose“.

So etwas machte bei den Touristen immer Eindruck.

Montag, 13. Januar 2014