Von einer ausgelaufenen Shampooflasche und Goethe

Die Abreise vollzieht sich immer hektisch. ABER DER TOTALE WAHNSINN ? SAG ICH EUCH!
Natürlich ist Innocent noch nicht startklar. Das Nervenbündel hat sich in der unruhigen Vollmondnacht wieder mit dieser Schlaftinktur vollgeschüttet. Und nun gurgelt er am Morgen in Trance herum: «Wo sind meine Socken!»
Klar? ER braucht ja nicht zu fahren. Er fährt nur bei. Und schiesst seine Kommentare ab, als hätte er das Steuer in der Hand: «Hier ist 50? es hat geblitzt. ALSO DIESE BUSSE BEZAHLE ICH NICHT AUCH NOCH?»
Dann: «Ich muss mal für kleine Mädchen!»
Mag sein, dass mein etwas zügiger Fahrstil ihn in dieser Richtung animiert. Aber punkto «kleine Mädchen» muss er eh immer. Und prompt dann, wenn weit und breit kein Rastplatz in Sicht ist.
DAS ALTER SETZT ÜBERALL FEIN ROST AN. DOCH IN DIESER BEZIEHUNG IST BEI IHM DIE DICHTUNG TOTAL DURCHGEROSTET.
Wegen all dieser misslichen Umstände will ich früh weg. Ich hasse es, unter Zeitdruck zu fahren. Der Druck meines Mitpassagiers reicht.
Aber noch eiert der im Haus herum. Setzt alle Alarmanlagen auf Trab. Und giesst ein letztes Mal seine heissgeliebten Balkonrosen. Diese Schlampen sind eh am Durchdrehen. Jedenfalls haben sie ihre Blütezeit längst hinter sich. Sie sind welk. Dürr. Und lassen alles fallen. Genau wie Innocent.
«Können wir endlich?», brülle ich genervt.
«Brülle nicht!», brüllt er zurück. Und dann taucht er auf ? an beiden Händen ausgewuchtete Papiersäcke. Sie sind überladen mit alten Schmökern.
«Papierabfuhr ist nächste Woche!», belle ich. Und schaue demonstrativ auf die Uhr.
Innocent stöhnt gequält auf. Seine Schlaftinktur lässt ihm noch immer die Ganglien surren: «Die schönen Bücher sind für Lieselchen. Sie liebt Grillparzer, Goethe und Kleist. Da wir ja eh die Bibliothek räumen müssen?»
LIESELCHEN UND GOETHE! Da lachen ja die Hühner.
«Sie spielt dir die Intellektuelle vor», fauche ich, «in Wahrheit kam sie literarisch nie über Oma Duck und die Blondinen-Witze hinaus. Die meint doch heute noch, Goethe sei ein Haarshampoo. Nein mein Lieber ? Lieselchen wird deinen Grillparzer im Kamin auflodern lassen!»
Nun wird Innocent madig ? DENN WEH DEM, DER SEIN LIESELCHEN DURCH DEN DRECK ZIEHT: «Sie rezitiert dir jede Zeile aus dem?Käthchen von Heilbronn? und?»
«Ja ? aber nur die unanständige Fassung», erkläre ich spitz.
Gut denn ? das mit Goethe soll mir recht sein. Entsorgt ist entsorgt. Auch wenn ich mir für den alten Geheimrat und seinen schriftlichen Erguss etwas Besseres gewünscht hätte, als Lieselchens Kaminfeuer mit dem Kunststoff-Eisbären davor.
Innocent klackt den Kofferraum auf. Hier hatte ich schon am Vorabend alles schön eingebettet: drei hand­gestrickte Wolldecken für die eisigen Weihnachtstage auf der Insel, eine Kiste mit Maggifläschlein, Fondorwürze und Cailler mit Nuss, dann natürlich Haarsprays, Unter-die-Arme-Deos, Feuchttüchlein (in Italien sehr schwer zu bekommen, weiss der Himmel wie die dort feucht aufwischen), Coffein-Shampoo?
Also beim Coffein-Shampoo muss ich nun präzisieren. Pascal hat mir auf den Geburtstag eine Kurflasche zur Kerzentorte gelegt. Die bombenförmige Flasche wiegt zehn Kilo und hat die Grösse eines in die Höhe geschossenen Teenagers. Das Ungetüm wird mittels eines Pumpwerks bedient. Leider fiel das Werk, noch bevor es je gepumpt hatte. Entsprechend ergoss sich das ­seifige Coffein in unseren Kofferraum.
Dort sah es nun aus wie in der Waschmaschine bei Spülgang 3: Kaum schnappte der Kofferraumdeckel nach oben, strömte ein Feuerwerk von Seifenblasen wie beim Kinderfest zum Himmel. Die handgestrickten Wolldecken sahen aus, als hätte sie ein Walfisch ausgespuckt. Und die Maggi­fläschlein versprühten neben dem würzigen Duft des Maggikrauts eine penetrante Note nach veilchen-moschusduftender Seifenlauge.
JA, BINGO!
Ich weinte ein bisschen und holte den Eimer mit drei Putzlappen, während Innocent gähnte: «Das kommt davon, wenn man glaubt, jeden Tag die Haare waschen zu müssen; ich wasche sie nur einmal pro Woche. Und schau dir meine Locken an!»
Es war der Moment, als einer der Putzlappen in seine Richtung klatschte.
Innocent grinste: «Komm runter, du durchgedrehter Furz? ruf mich, wenn sich die seifenlaunige (oder soll ich seifenlaugige sagen, haha!) Lage beruhigt hat. Ich lege mich noch eine Runde aufs Ohr, bis du fertig gemoppelt hast.»
UND DESHALB HASSE ICH ES, UNTER ZEITDRUCK WEGZUFAHREN!
Und auch das Sprichwort: «Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.»
Natürlich ist der Shampoozauber nicht ganz weggegangen. Und der penetrante Duft nach Seife sowie die süssliche Veilchen-Moschus-Duftnote verfolgt uns bis nach Salzburg. Ja selbst die Nürnberger Würstchen, die wir an einer der deutschen Raststätten rein­zuzzeln, hinterlassen einen Veilchen-Moschus-Gout am Gaumen.
«Ach Buaberln ? ihr duftets aber fesch!», jubelt die Liesel, als sie uns in ihrem hochgestützten Vorbau begräbt. Dann duftet auch sie.
«Wir haben dir Goethe mitgebracht», säuselt Innocent. Und beisst liebevoll in einen ihrer prallen Palatschinken.
«Ober mai Buaberln», kichert sie, «dös wär freilich net nötig gwesen? wir hobens doch auch in Salzburg feine Konditoreien.»
Meine Güte ? sag ichs doch!
«Meine Gute», sülzt Innocent nun. Und giert zu ihren Nockerln, die da zum Empfang wunderschön in der Röhre aufgegangen waren.
Man kann sagen, was man will: Die Nockerl von Liesel sind immer eine Reise wert. Auch wenn sie dieses Jahr ein ganz klein wenig nach Seife und Moschus geschmeckt haben.

Dienstag, 17. September 2013