Vom Dudeldudel-Tanzkleid und gespreizten Finger

Evchen ist mir in den Ohren gelegen wie eine Fledermaus am Gebälk: «Sei lieb... bring mir so ein Dudeldudel-Tanzkleid mit. In Kairo haben sie die schönsten. Und wenns geht, gleich noch ein Pfund Perlen dazu. Sie verkaufen sie dort wie bei uns Kartoffeln im Sack.»
Ich weiss nicht, was die Mutter meines schönsten Patenbuben mit einem Dudeldudel-Tanzkleid macht. Ich hoffe nicht das, wozu es eigentlich gedacht ist, nämlich TANZEN. Genauer: BAUCHTANZEN!
Zwar wäre Evchen mit dem wichtigsten Utensil in dieser Sportart dazu ausgerüstet? aber wenn sie ihren Doppelzentner rotieren lässt, keucht sie wie das Kanderntaler Dampferli auf Bergtour.
«Du bekommst die schönsten Kleider bei Madame Hekmet. Die wohnt dort irgendwo, wo dieser grosse Bazar ist... Aga Khans Lilli oder so ähnlich... und die Hekmet schneidert nach Mass. Sie nimmt aber keine Kreditkarten. Um einen guten Preis zu erzielen, jammerst du ihr etwas vor? denk an deine liebe Mutter. Die war ganz gross darin, wenn sie den Bauern die Quittenpreise runterpresste!»? so weit Eva.
Ich hocke also im Taxi. Und fahre nach Khan el Kahlili (oder wie Evchen es nennt: zu Aga Khans Lilli). Der Fahrer kommt am Ende der Hochstrasse bei Al Azlear nicht mehr weiter. Hunderte von Frauen führen mit schrillem Zungengeflatter und einem hysterischen Ton eine verhüllte Frau durch die Strassen.
Die Hochzeit blockiert den Verkehr? «Hamam», grinst der Taximann. Und erklärt mir, die Frauen würden die angehende Braut für die Nacht der Nächte ins Hamam bringen. Und sie auf den grossen Moment vorbereiten. Aha. UND WAS SOLL DIESES SCHRILLE GESCHREI? Der Taxichauffeur seufzt. «ES IST DER SCHREI DER FREUDE... die Frauen machen dem Mädchen zungenlautmalerisch klar, dass es eine Freude ist, in die Ehe zu treten.»
AHA. UND BEIM MANN FREUT SICH KEINER?
«Der Mann trinkt mit seinen Kumpels warmen Tee. Und schwelgt in heissen Vorahnungen.»
Wenn ich mir vorstelle, dass bei den Frauen hier der Polterabend im Hamam stattfindet. Und die Männer bei einem Gläschen Tee die Post abgehen lassen... irgendwie schon schräg. Zumindest für einen, der an baslerischen Polterabenden die sturzbesoffenen Männer noch einzeln heimtragen musste.
«Du kapierst es nicht, weil du nicht hier aufgewachsen bist...», zeigt mir Ahmed meine persönlichen Integrationsprobleme etwas verschnupft auf.
Stimmt. Ich kapiere viel nicht. Gestern waren wir bei seiner lieben Mamma eingeladen. Ahmed bat mich vorher, alle meine bunten Shirts, Hosen und Kettchen abzulegen.
Er setzte überdies jegliche Lifting-Creme, Augenschatten und auch den Stift, der die Lippen so blumig prall macht, in den roten Out-Bereich. Ja, der miese Sack hüllte mich in eine kakifarbene Hose. Dazu ein Hemd von der kratzenden Feinheit einer 68er-Feministin samt der Auflage, ich solle für einmal so tun wie ein richtiger Schweizer Gardist: «Viril. Und so, wie mans von einem helvetischen Mann erwartet!»
JA, BIN ICH DENN DER SCHWINGER-KÖNIG ABDERHALDEN?
Ahmed erklärte mir, dass seine Mutter die Fäden der ganzen Familie in den Händen halte. Er selber sei zwar als ältester Sohn, seit sein Vater ins Gras gebissen habe, das gesetzliche Oberhaupt des Clans? aber die Mama sage, wos langgeht. Na danke. Jetzt erst kapiere ich das freudige Zungengeschrei für angehende Bräute.
Frau Mutter sass dann auch auf einem Sessel, der schon fast ein Thron war. Sie dirigierte ihr Personal herum, wie Griselda ihre 100 Dalmatiner. Dabei nahmen mich ihre schwarzen Augen ins Visier, wie der Soldat den 10er auf der Scheibe.
GOTTLOB KONNTE DIE GUTE FRAU KEIN ENGLISCH.
Sie sprach mit diesen «chahchs» und «chullulluchs» auf mich ein, ohne auch nur ein einziges Mal den Blick von meinem Ringfinger zu nehmen.
Ahmed war das Medium. Meine Antworten wurden durch ihn an die Mutter übermittelt, ohne dass ich auch nur den Mund zu bewegen brauchte. Für einen kurzen Augenblick erhellten sich die schwarzen Äuglein von Mama.
Sie klopfte mir anerkennend auf die Schultern.
Ahmed hatte mir soeben drei verstorbene Frauen, 14 anhängliche Kinder und zwölf kämpferische Grosssöhne angedichtet.
Erst beim Tee, den die Hausherrin dann endlich in allerliebsten mit Goldranken verzierten Gläslein servieren liess, sodass ich automatisch das Fingerlein spreizte, schaute dieser Familiendrache so entsetzt, als hätte ihr Sohn ein Kamel mit drei Beinen und fünf Höckern nach Hause geschleppt.
NA GUT? JEDENFALLS SAH SIE DANN IN MIR EINE ART LUSTIGE WITWE UND NICHT DAS, WAS SICH MAMA FÜR IHREN ÄLTESTEN SOHN VON ALLAH ERBETEN HATTE.
Zurück zum Bauchtanzkleid. Ich boxe mich durch die Menschenmassen in der Mohhamed-Ali-Street und finde Madame Hekmet im vierten Stock eines Hauses, das auch schon bessere Jahre gesehen hat. Ich wühle in 100 000 Schleiern und gebe die Masse von Evchen durch. Madame Hekmet erstarrt.
Sie erkundigt sich in feinstem Französisch:
«C'est pour un éléphant?» Dann grinst sie augenzwinkernd.
«Ah non, Monsieur? j'ai compris... c'est pour vous!»
ES GIBT AUCH IM LAND DER SCHLEIER MÜTTER, DIE SCHNELL KAPIEREN.
Ich kicherte. Und nahm dankbar noch sieben Pfund Perlen.

Samstag, 3. April 2010