Vom Drama mit dem Skorpion und der Flussfahrt zur Karibik

Manchmal sitzen wir abends auf der Terrasse. Und schauen zum Atitlan-See.
EINE FEINE ZIGARRE AUS HONDURAS WÄRE JETZT DAS GIPFELCHEN VOM GLÜCK.
Aber man darf auch hier nicht rauchen. Rauchen dürfen nur die drei Vulkane.
ALSO BEGNÜGEN WIR UNS DAMIT, DEN SKORPIONEN BEIM BALLSPIEL ZUZUSCHAUEN.
Der Atitlan-See ist gross. Und unheimlich. Ein Vulkansee eben. Mancherorts bis zu 170 Meter tief. Noch liegt er spiegelglatt da. Aber wir haben in Panjachel einen Bootsmann angeheuert. Wir wollen nach Santiago. Da muss uns der Mann quer übers Wasser brettern. WAS SOLL ICH SAGEN: ICH SEHE SCHWARZ!
«Es kann vorkommen, dass er wellt», erklärt uns René. Er ist Fachmann. Und hat seine Hochzeit auf den Wellen des Sees gefeiert: «Also es war eigentlich eine typisch schweizerische Hochzeit? mit Käsefondue im Boot und einem Handorgelduett. ABER DIE WELLEN WAREN DANN ECHT GUATEMALTEKISCH. WIE MEINE FRAU AUCH. SIE BRECHEN PLÖTZLICH LOS, ZEIGEN IHR GANZES TEMPERAMENT? UND DANN KOMMST DU GANZ ARG INS WACKELN.»
ICH WILL NICHT WACKELN.
Man sagt, dass wenn die Wellen des Vulkansees hochgehen, ein verstossenes Liebespaar auf dem Wasser tanzt: So nach dem Liedlein «sie konnten zusammen nicht kommen». Die Götter waren dagegen. «STURM!», erklärt Carlos, der Bootsmann.
Mir ist die stillere Variante von Romeo und Julia lieber.
Aber das Liebespaar ist uns gnädig gestimmt. Es hat eben mal Pause, wie wir übers Wasser flitzen. Und in Santiago vor schreienden Kindern, die vergarnte Kugelschreiber mit unseren Namen drauf, verhökern wollen.
«Die Hochlandvölker der Mayas sind hier total indigen», erklärt unser Reiseleiter René. Ich nicke weise. Und beschliesse daheim nachzugoogeln was «indigen» bedeutet. «Jedes Volk hat seine eigene Sprache. Oft versteht ein Stamm den andern nicht. Und jeder hat seine eigene Handwerkskunst, jeder seine eigene Stickart? ihr werdet schon sehen!»
«Oh Gott!», seufzt Innocent.
«Wunderbar», sage ich.
Eine Stunde später habe ich 25 Ponchos mit den verschiedensten Stick- und Webetechniken gekauft. DIE MAYAS HABEN MICH INDIGEN HEILIG GESPROCHEN.
Zum Schluss kommen wir zu einem alten Mann, dürr und knochig wie ein abgestorbener Baum, der an einer Hose rumfummelt. Er blattstichelt Vögel in den herrlichsten Farben auf einen groben Stoff, der die Farbe von ausgeblichenen Veilchen hat.
«Das gibt ein wunderbares Fasnachtskostüm», juble ich.
Innocent: «Oh Gott!» Und dann im notorischen Nörgelton: «Ich habe immer gedacht, man trägt an der Fasnacht nichts Fertiges, sondern bastelt oder näht sich selber etwas!»? UND DAS AUS DEM MUND VON EINEM, DER DEN MORGESTRAICH JEWEILS AUF DER RIGI DURCHPENNT!
Am Abend noch fahren wir nach Antigua, der alten Hauptstadt Guatemalas. Es ist der Treffpunkt aller Guatemala-Reisenden. Und die Stadt hat eine eingestürzte Kirche zu bieten.
René zeigt ehrfürchtig auf die riesigen Steinquader, die da im Hof herumliegen: «Die sind vom letzten Erdbeben. Das ist kaum 30 Jahre her. Wir leben hier alle mit dem gepackten Rucksack neben dem Bett...»
Antigua ist ein wunderbarer Ort? natürlich viel Souvenir-Trallala für die Touristen... Hochzeiten mit Bräuten so bunt und schrill herausgeputzt wie die Messepuppen am Schiessstand von einst... und einem Hotel, das aus verschiedenen Klöstern zusammengepuzzelt wurde und zu den schönsten der Welt gehört.
In diesem Hotel öffne ich den Koffer. Als erstes grüsst mich einer der Atitlan-Terrasse-Skorpione mit eingerolltem Schwanz.
DER EINGEROLLTE SCHWANZ IST KEIN FRIEDLICHES ZEICHEN!
Ich schreie zetermordio. Innocent wirft den Koffer in den Garten. Die Kellner jagen herbei. Doch der Skorpion hat sich längst davongemacht? sofort wird der Hotelgarten abgesperrt und von 83 Wächtern nach dem lausigen Kerlchen abgesucht. DA HABEN WIR UNS ABER BEI DEN ANDERN GÄSTEN NICHT GERADE BELIEBT GEMACHT! CHAOS WEGEN EINGEROLLTEM SCHWANZ. DIE POOLZONE ABGERIEGELT. UND KEIN WELCOME-DRINK FÜR DIE LANDEIER AUS HELVETIEN!
Bootsmann Carlos tröstete mich: «Morgen ist Flussfahrt Rio Dulce... morgen ist anderes Tag... morgen ist schönes Tag...»
Und das war es dann auch. Auf einem schmalen Boot trieben wir stundenlang auf dem riesigen Rio Dulce zum karibischen Meer? vorbei an traumschönen Dschungellandschaften, an fliegenden Pelikanen und boxerarmgrossen Leguanen, die sich auf blühenden Ästen sonnten und uns die Zunge rausstreckten... vorbei auch an kleinen Mädchen, die auf Einmästern an unser Schiff heranpaddelten und wunderbare Muscheln anboten.
«Die Muscheln sind die Töchter der Venus», flüsterte Carlos geheimnisvoll. «Man hört darin immer das Meer rauschen.»

Samstag, 23. April 2011