Pasta Norma und sizilianische Gastfreundschaft

Als Umberto mich auf dem Flughafen von Catania abholte, zeigte sich der Himmel über der Stadt in den ­Farben eines Kardinalrocks.
Der Ätna sah aus, als würde er Zuckerwatte speien.
Fasziniert schaute ich zu all den rosigen Viola-Himmels­tönen. Sie ergaben einen ­Hintergrund, wie es Vallérie Tata, die 82-jährige Mutter der Travestie-Show «Vally?s Variété», nicht besser hinbekommen hätte.
Ich sperrte fasziniert den Mund auf und Lucia, die etwas rüde Bettgenossin meines liebenswerten Freundes Umberto, spuckte es auf ihre Art aus: «Da bittet ER wieder mal zum himmlischen Tuntenball!»
NUN. ICH WILL WEISS GOTT NICHT RASSISTISCH SEIN: ABER RÜDE HETI-WEIBER ­­ TÖNEN SO.
Die beiden nahmen mich in die Arme. Drückten fest. Und stanken wie frisch frittiert ? das untrügliche Zeichen, dass auf meine Ankunft hin junge Sardellen in Mehl gewendet und im brodelnden Olivenöl gebadet worden waren.
Als sie mir diesen sizilianischen Willkommensgruss zum ersten Mal auftischten, hob ich übertrieben ab: «ALSO SO ETWAS HERRLICHES ­­ WIE DIESE ACCIUGHE FRITTE HABE ICH ÜBERHAUPT NOCH NIE GEGESSEN? DAS SCHMECKT JA GÖTTLICH? EIN GERICHT, JEDES LUCULLI (Genitiv? ihr Banausen!) WÜRDIG!»
Jetzt habe ich die Scheisserei: Immer zu meiner Ankunft gehen die Sardellen baden. ES IST SIZILIANISCHE GASTFREUNDSCHAFT ? DOCH FAST EIN BISSCHEN ZU VIEL DES GUTEN!
Ungeachtet meiner hysterischen Proteste knallt mir Omi Adele eine dritte Portion dieser verschrumpelten Fische mit den zombiehaften, milchig-glasigen Stechaugen nach ? gestorbene Augen, die mein Elend nicht mehr mitansehen müssen. Doch sie taxieren mich vorwurfsvoll und erinnern an Tante Lucies starren Blick, als sie, von einem Schlaganfall überrascht, vom Stuhl fiel und ins Gras biss. Wen wunderts also, dass ein so fischiger Augenblick auch das abgebrühteste Herz in eine tiefe Depression reiten kann. Deshalb, Not­lösung: ab auf die Ritiratta!
Ich umarme die Porzellanschüssel, die sich mir wie ein etwas verklemmter Liebhaber entgegensperrt. Dann lege ich los. Und kotze die ganze ölige Fischerei wieder raus ? dies nicht etwa, weil ich an Altersbulimie leide. Sondern ganz einfach, weil mir speiübel ist. Und schliesslich möchte ich noch ein Eckchen Platz für die Pasta Norma leer räumen ? denn punkto Pasta Norma ist Nonna Adele nicht zu schlagen: EINE WAHNSINNSFRAU UND EIN WAHNSINNSGERICHT!
Adele ? die Mutter eines Pompiere, was so viel wie Feuerwehrmann bedeutet ?, Umbertos Grossmutter also (so erzählte es mir seine Bettgefährtin) habe früher täglich für 22 Familienmitglieder gekocht. DIES DREI MAL AM TAG. Denn schon zum Frühstück gabs Bohnensuppe mit Speckwürfeln. Es war die Zeit, als Italien und seine Kinderanzahl gross waren. Eine schöne Zeit. Bis der Mann mit dem eingepflanzten Haar kam. Und nur wenig Kinder, dafür viel Bunga-Bunga machte. Auch sonst war alles an ihm für Italien weniger fruchtbar. Also grösstenteils furchtbar.
Adele brauchte die Kocherei nicht zu lernen. Sie hatte sie im Blut. Schon als zehnjähriges Mädchen musste sie am Herd anpacken. Als knapp 15-Jährige hat sie ? nachdem ihre Mutter (Umbertos Ur-Muhme) beim Feigenlesen von einer Viper tödlich gebissen worden war ? das Hausfrauenzepter übernommen.
Mit 17 kam das erste von 12 Kindern (das letzte war der Pompiere) ? und heute, mit 93 Jahren auf dem krummen Buckel, können weder ein Erdbeben noch die Gicht die Alte von der Pfanne wegbringen: «Im Sarg habe ich dann genügend Zeit, um mich auszuruhen?», bruddelt sie immer. Und wallt den Nudelteig seidendünn aus, sodass ihre Tagliatelle zart werden wie die Zungen der Nachtigallen.
Bei der Pasta Norma handelt es sich um Adeles Meisterwerk. An einem Kochwettbewerb auf Canale 5 hat sie mit diesem Rezept «la pentola d?oro» geholt ? die Pfanne hat sie sich übers Bett gehängt (gleich neben der heiligen Agatha, die ein wenig säuerlich zur goldenen Pfannenkonkurrenz rüberschielt) ? den Preis, eine zehntägige Kreuzfahrt im Mittelmeer, überschrieb sie an Umberto, da sie noch nie so ein schaukelndes Ungetüm betreten habe und somit bis heute keinen einzigen Schritt aus Catania weg gewesen sei.
Auf ebendieser Kreuzfahrt habe ich Umberto an Deck kennengelernt (die rüde Bettgenossin musste zu Hause bleiben, weil der Preis nur für eine Person ausgeschrieben war ? irgendwie tut der liebe Gott doch immer das Richtige) ?, und als ich da vom wunderbaren Buffet mit der Pasta Bolognese schwärmte, schaute er mich entsetzt an: «UMS HIMMELS WILLEN ? DIE BOLOGNESE IST DOCH VORGEKOCHTER BREI. DU GEHST MIR NIE WIEDER AUF EIN SCHIFF, BEVOR DU NICHT DIE PASTA NORMA MEINER NONNA ADELE GEKOSTET HAST!»
Ich muss sagen: Es lohnte den Flug von Basel nach Catania. Denn dieser Pasta-Gang, der einst zu Ehren des Komponisten Bellini und seine Oper «Norma» kreiert wurde, ist das, was man ein «kulinarisches Weltkulturerbe» nennen könnte: EINFACH UMWERFEND!
Die Basis der Pasta Norma sind stundenlang geschmorrte Pachini-Stückchen. Diese zum Strunk hin etwas gefältelten Tomaten wachsen in Pachino ? kaum eine halbe Stunde vom Barockstädtchen Noto entfernt.
Nonna Adele frittiert Melanzane-Würfel (die sie vorher mit etwas Salz eingerieben und eine halbe Stunde danach mit einem Küchenpapier abgerieben hat, um ihnen so das Bittere auszutreiben!) mit gemörsertem Peperoncino. Dann gibt sie zwei Handvoll entkernte Oliven, nur wenige Rosinen und einen Esslöffel Zucker an die Sauce. Schliesslich vermengt sie mit zwei Holzkellen Pachino-­Sauce und Melanzane mit den Penne. Jetzt noch etwas geraffelte «Ricotta dura» an alles ? und WOWWWWW!
DOCH EBEN? WENN NUR DIESE VERDAMMTEN SARDELLEN VORHER NICHT WÄREN!

Dienstag, 12. November 2013