Hochzeitstag mit Kohl

Ein gewöhnlicher Samstag.
Nein. Kein gewöhnlicher. Es war: Hochzeitstag. Und der sollte Leos Leben verändern.
Der Chefbuchhalter und Hobby-Imker sass mit seiner Hanna in einem Nobelkasten der Stadt (Hanna: «einmal möchte ich mich auch verwöhnen...»).
Leo sehnte sich nach einem Bierlein. Aber das war hier, wo der Chefkoch einen fünfrappengrossen «Gruss aus der Küche» schickte, unmöglich. Eine Parade von hauchzarten Gläsern, die wie Seifenblasen auf Stielen funkelten, schrie nach teuren Weinen. «Für eine Flasche von diesem Roten bekomme ich im «Schwarzen Bären» 38 Stangen Helles...», hatte er beim Durchackern der Weinliste geknurrt. «Leo!»? Hanna schaute geniert zum Saumelier. Dann war der Zapfen ab? und: «Wollen Sie bitte probieren?», sagte der Mann in Schwarz. «Ich will nicht probieren. Für diesen Wucherpreis saufe ich alles aus!», giftelte Leo.
«LEO!»
Nach der Taubenbrust sehnte sich Leo nach einem Wienerschnitzel und musste mal. Als er an der Schüssel zur Sache kam, schaute er instinktiv nach rechts. Sekundenlang stockte ihm vor Aufregung der Atem? und alles andere auch. Eine Hand breit neben ihm pinkelte Kohl. HELMUT KOHL, dieses gigantische Stück Europageschichte und damals noch Kanzler, der die Einheit in allem predigte. Leo überlegte fieberhaft. «Was sage ich zu ihm? Wie soll ich mich verhalten? Packe ich ein und gehe einfach... oder klopfe ich ihm auf die Schultern:?Gut gemacht, du alte Kanaille!?»
Aber da schüttelte Kohl schon seine Rübe. Begab sich ans Waschbecken. Als der Luftautomat aufjaulte, war die Sensation verschwunden.
«Hanna, du glaubst nicht, was mir passiert ist...», japste er am Tisch. Dann war er so erledigt, dass er eine zweite Flasche vom teuren Wein bestellte.
Am anderen Tag berichtete das Fernsehen vom Besuch des Bundeskanzlers. Leo rief umgehend die Redaktion an: «Ich stand neben ihm!»
«Haben Sie etwas Besonderes gesehen?», fragte die Journalistin ihn später vor der Kamera. «Nein», gab Leo zu, «aber er ist ein grosser Mann!»
Seine Imker-Freunde und auch die im Büro behandelten ihn nun fast wie einen Star. Er war im Fernsehen gewesen. ER HATTE KOHL HANDNAH NEBEN SICH GEHABT. Und alle wollten mehr wissen? also spann er die Sache aus und führte sie vor das Waschbecken, wo die beiden einen netten Plausch zusammen gehabt hätten. Kohl habe Leo verraten, er sei ein grosser Honigfreund. Seine Bewunderung gelte ganz der Arbeitsbiene.
Daraufhin schrieben einige Blätter, Kohl schmiere dem Volk Honig um den Mund und treibe die Arbeiter wie Bienen an...
Das deutsche Amt schaltete sich ein. Wollte eine Berichtigung. Die diplomatischen Beziehungen zur Schweiz waren gestört. Der Bundesrat zitierte Leo zu sich: «WAS DENKEN SIE SICH EIGENTLICH?! WAS IST PASSIERT?!» Kleinlaut gestand Leo, dass er nicht viel denke und nichts passiert sei, da Kohl schon zugepackt habe...» Die geheime Nachricht sickerte sofort aus dem Bundeshaus. «KOHL PACKT ZU» titelte der «Blick».
Ein Flächenbrand in Kalifornien und ein Amoklauf von zwei belgischen Schülern brachte die Wende. Kohl und Leo waren kein Thema mehr. DIE TAGE GEHEN SCHNELL VORBEI. Sensationen in den Medien auch. Nur der Hochzeitstag bleibt.
«Wir gehen in den?Schwarzen Bären?», sagte Hanna im Jahr danach. «Mit Wienerschnitzel. Und Bier.» Sie seufzte: «Ist natürlich nicht dasselbe.»
Nach der vierten Stange musste er wieder vor die Schüssel. Neben ihm stand Alfred. Vizepräsident des Schweizerischen Bienenzüchterverbands. Der klopfte ihm jovial auf die Schulter, so dass Leo fast gekippt wäre: «Ja schau mal? unser alter Fernsehstar! Was macht deine Königin?»
Leo knöpfte zu.
Hanna hatte recht: Es war nicht dasselbe.

Montag, 19. September 2011