Haariger Schock

Es war ein Schock.
Zuerst dachte er, es seien Risse im Douchebecken.
Dann schaute er genauer hin: keine Risse. Nein. HAARE.
SEINE HAARE. 15 STÜCK!
Mühsam bückte er sich. Tupfte eines der Dinger auf seinen Finger. Es zeigte? zartdünn wie ein Spinnfaden? die Farbe dieses Schimmels, den er kürzlich als kleine Insel im Konfitürenglas angetroffen hatte.
Irgendwo hatte Max gelesen, dass beim täglichen Abgang von mehr als fünf Haaren Alarmstufe 1 eingeläutet sei. Seit einiger Zeit schon hatte ihm sein Spiegelbild nicht mehr richtig gefallen. Es lockerte in den Locken. Rosig, wie ein abgebrühter Schweinebauch, schimmerte die Kopfhaut durchs Spärliche.
Figaro Löchlein hatte zur kostspieligen Ampullenkur geraten. In winzigen Gläslein schwammen Zellen von jungen Zottelpelzschafen. Max hatte neidvoll an deren Pelz gedacht. Und sich für seine haarigen Probleme eine zottelige Verbesserung versprochen. Ja, in seinen Tagträumen tanzte bereits eines dieser Herrenhaarschwänzchen, welche ältere Männer gerne schwänzeln lassen.
Max nennt diese Spät-Schwänzler «Wichser». Aber insgeheim hätte er viel für so ein haariges Ausrufezeichen gegeben.
UND NUN: 15 Haare im Douchebecken!
Schimmelgräulich.
Er setzte sich zu Martha an den Frühstückstisch. Sie schaute nicht hinter der Zeitung hevor: «Hast du etwas gesagt?»
«Nichts», sagte er.
«Obama hat eine gute Rede gehalten!», tönte es hinter dem Blatt.
Seit zwei Jahren verehrte sie Obama. Sie betete ihn an wie diese orangen Jünger den Guru. Sie verfolgte alle seiner Bewegungen. Reiste jeden morgen per Zeitung an seine Auftritte.
MAX GING DIESER OBAMAWAHN LANGSAM AUF DIE EIER. Es gab weissgott wichtigere Probleme? 15 Haare im Douchebecken, zum Beispiel!
Im Sauna-Club offenbarte er sich seinem Freund Rolf: «Weshalb hast du noch so volles Haar?»
Rolf schüttelte seine satte Mähne. Die Schweissperlen spritzten herum, wie das Wasser in der Salatschleuder. «Weiss nicht. Ich esse jeden morgen Haferflocken. Hast du schon mal ein kahles Pferd gesehen? haha!».
Rolf hatte gut lachen.
Nach der Sauna föhnte Max die Spärlichen. Und legte sie strategisch so, dass das abgebrühte Schweinchenrosa getarnt war.
«Ich nehme künftig Haferflocken zum Frühstück», verkündete er der Zeitung vor sich.
Die raschelte: «Obama ist jetzt in Irland...»
Es war Kurt, der ihn beim Kegeln auf die Idee brachte: «... dieses Problem haben wir doch ALLE. Rasier sie einfach ab. Glatzeplatt. Darauf stehen die Weiber!»
Herr Löchlein war nicht dafür. «Und was ist mit dem Schwänzchen...?» Löchlein bangte um den Absatz von 220 Ampullen zotteliger Kleinschafzellen. Deshalb: «Man muss für den Kürzestschnitt die richtige Kopform haben... nicht eierig. KUGELIG... überdies haben Sie eine Delle im hintern Drittel. UND WAS WIRD WOHL IHRE FRAU DA SAGEN?»
Löchlein argumentierte umsonst. Das Resthaar fiel wie die Eidgenossen bei St. Jakob. Damit fiel auch der Traum vom Schwänzchen.
«FÄLLT DIR AN MIR GAR NICHTS AUF?»? strahlte Max frisch poliert beim Frühstück in Richtung Printnews.
Martha liess das Blatt sinken. Taxierte ihren Gatten kurz.
Schon steckte der Kopf wieder hinter dem Papier: «Sie haben für Obama 326 irische Häuser neu streichen lassen...»

Montag, 30. Mai 2011