Grabgespräche

«Otti?»
Otto war irgendwo hinter der Zeitung. Trudy schenkte vom Filterkaffee nach. Seit Jahren plädierte sie für Clooneys Kapseln. Aber ihr Alter schaltete da auf stur: «Es geht nichts über einen guten Melitta-Kaffee, Trudy. Der Duft des frisch Angebrühten in einer abgebrühten Welt ? so lasse ich mir den Start zu einem neuen Tag gefallen. Nicht mit diesem Maschinengestöhne. Und dem?Dlagg? einer Kapsel, an der sich dieser Clooney einen goldenen Arsch verdient!»
«OTTO!? Herr Clooney ist ein hochbegabter Schauspieler!»
«Das kann ich nicht beurteilen, Trudy? für mich war Heinrich Gretler ein hochbegabter Schauspieler. Auch wenn er keine Kaffeekapseln erfand, die?dlaggten?.»
ES WAR SINNLOS, MIT OTTI ZU DISKUTIEREN. Doch jetzt:
«OTTO!»
Er blickte leicht gereizt von den Börsenkursen auf. «UBS ist wieder runter!»
Trudy schaute mit wässrigen Augen über den UBS-Kurs hinweg: «Wir sollten über den Tod reden, Otti!»
«Dlagg!»? das war nicht Clooneys Kaffeekapsel. Das war das Messer mit der Butter an der Klinge, welches Otto vor Schreck aus den Händen fiel: «Vom Tod? Ja fühlst du dich nicht wohl, Trudelchen?»
Die Gute hebelte mit einem nassen Abwasch­lappen den Butterfleck, den Ottis Messer hinterlassen hatte, vom Tischtuch: «Es geht um ein Grab, mein Lieber. Wir haben keines. Das Friedhofamt hat geschrieben, dass sie Onkel Willy und?diese Irmgard? aufgehoben haben. Ich dachte immer, wir würden da reingehen ? deshalb habe ich auf Weihnachten hin stets ein Erika-Arrangement darauf machen lassen ?»
«Diese Irmgard» war Onkel Willys zweite Frau gewesen. Trudy hatte sie als «berechnendes Luder» taxiert: «Die ist doch nur auf sein Geld aus ?»
So war es auch. Der gute Onkel erlebte nochmals einen heiss durchfluteten zweiten Frühling ? dann ging «diese Irmgard» total unerwartet mittels eines Schlaganfalls von dieser Welt. Sie lag neben Tante Liesel und füllte Willys Grab ? nachdem sie ihm zuvor allerdings das Bankkonto geleert hatte.
UND NUN ALSO ALLES AUFGEHOBEN.
Trudy streichelte nachdenklich die Hand ihres Gatten: «Wir sollten uns umschauen, Otti ? ich möchte ein Grab mit prächtigem Ausblick auf die Stadt. Und ?»
Otto knurrte. «Wenn du mause bist, brauchst du keinen prächtigen Ausblick mehr ?»
Trudy warf ihm einen strengen Blick zu. «Es geht um die Kinder, Otti ? sie sollen es schön haben, wenn sie uns besuchen und Blumen aufs Grab legen!»
«UNSERE KINDER LEBEN IN KANADA! DIE HABEN BESSERES ZU TUN, ALS HIERHER ZU FLIEGEN UND BLUMEN ZU KAUFEN, DENEN DANN DOCH DIE REHE DEN KOPF ABBEISSEN ?»
Nun wurde Trudy energisch. «Du willst mich einfach nicht verstehen, Otti. Es ist wie mit der Kaffeemaschine und Clooney. Nie kann ich eine ganz kleine Freude haben ?»
«ICH FINDE EIN GRAB AN SCHÖNER AUSSICHTSLAGE KEINE KLEINE FREUDE ? WEISST DU, WAS DAS KOSTET? Irgendwie kommen wir schon unter den Boden ? da mache ich mir keine Gedanken.»
«SOLLTEST DU ABER? MIT DEINEM BLUTDRUCK!», fauchte Trudy.
Otti erhob die Stimme: «Kann ich jetzt mal in Ruhe die Börsenkurse ?» Dann griff er sich ans Herz. Verdrehte die Augen. Und lag mit seinem Kopf auch schon in der Butter.
Drei Monate später schaute Trudy mit verklärtem Blick auf die Stadt.
Dann legte sie Blumen aufs Grab.
Und zu Hause machte es «dlagg»? diesmal wars die neue Espressomaschine.

Montag, 11. November 2013