Der orange Mythos

Seit 100 Jahren überzeugt Ovomaltine die Schweiz und die Welt

Rezept: Soufflé glacé à l’Ovomaltine

Malz, Milch, Ei und Kakao: Diese vier Bestandteile bildeten das Rezept für eine Schweizer Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht.

«Und? Hast du deine Ovo schon getrunken?» - das war der allmorgendliche Schlachtruf unserer Mütter der 50er Jahre.

Ein Morgenessen ohne Ovomaltine wäre im Schweizer Haushalt wie eine Käseplatte ohne Emmentaler - unvorstellbar. Ovomaltine war (und ist für viele heute noch) die Kraftquelle für den Tag.

«Willst du einmal so stark werden wie ein Bär?» - haben sie mich immer wieder gefragt. Und mit der orangen Ovobüchse gewunken, dieser Büchse, die zum Mythos wurde und in 100 Jahren nicht gealtert hat.

Ich wollte nicht stark werden wie ein Bär. Ich sah das anders. Ich wäre gerne so grazil und zartdünn gewesen wie die lila Fee in Tschaikowskys «Dornröschen»-Suite. Lila und Ballett lagen mir wesentlich näher als Bären.

Ballett aber war Firlefanz - Ovomaltine jedoch stand für eine starke Zukunft. Ovomaltine und Lebertran. Viele Jahre später, als ich mich bei meinem Arzt über meine Pneuringe und Fettzellen ausweinte, seufzte der: «Sie sind eben das typische Resultat einer Ovo-Generation. Dazu noch mit Lebertran getränkt...!»

Im Gegensatz zum Lebertran liebten wir die Ovo: Das Fischöl schmeckte «bäähh». Doch Ovo war süss. Ovo war fast schon ein bisschen Schokolade. Die Ovo schäumte herrlich, wenn man sie im Schüttelbecher durchrüttelte. Kurz: Ovo war megageil (nur kannte den Ausdruck damals noch kein Mensch).

Manchmal strichen wir das bräunlich-violette Pulver auch auf die Butterschnitte. Und stellten uns vor, es sei ein Stück Schwarzwäldertorte.

Wenn Mutter protestierte, griff Vater ein: «Lass die Kinder - es ist schliesslich für ihre Gesundheit!»

Sie gab brummend nach, aber Ovomaltine belastete ihr Haushaltungsbudget spürbar. So eine Dose war im Schnupf ausgebüchst. Und Ovomaltine war für Trämlerfamilien in den 50er Jahren nicht besonders billig. Die preiswertere Alternative hiess Banago. Um ehrlich zu sein: Die schmeckte uns noch besser. «Aber das Malz darin fehlt. Und die Eier!», toste Vater, wenn Mutter wieder Mal ihr Haushaltungsbudget damit ausgleichen wollte. Banago im blauen Paket war ganz einfach Schokoladenpulver - statt der Eier und des Malz waren Bananen und Kakao drin. Banago-Schnitten schmeckten göttlich.

Geheimrezept. Vielleicht wars das sportliche Image, mit dem sich Ovomaltine schon in den 20er Jahren aufpulverte, welches das dickliche unfitte Kind etwas befremdete. Wenn meine Klassenkameraden im Skilager nach dem Skikurs im Restaurant den weissen Becher mit der orangen Schrift und der dampfenden Milch drin - daneben der Ovomaltine-Portionenbeutel (er kam schon 1931 in die Gastronomie) - bestellten, da schluckte ich aus Protest eine heisse Schokolade. Erstens fand ichs schicker als dieses Getränk, mit dem schon Ferdy Kübler die Tour de France gewonnen hatte. Und zweitens schmeckte mir Schokolade pur besser. Bei Ovomaltine war doch immer noch dieses leichte Malz-Parfum...

Es war justement dieses Malz, welches Georg Wander auf den Geschmack brachte. Mitte des 19. Jahrhunderts starb in der Schweiz eines von fünf Kindern aufgrund mangelhafter Ernährung. Der Berner Apotheker wusste, dass Malz hier Abhilfe schaffen könnte. So entwickelte er 1865 das Wander-Wunder: ein Malzextrakt, das durch ein spezielles Vakuumverfahren haltbar gemacht wurde. Während Jahrzehnten war Wanders Produkt ein lebensrettendes Pulver für Kranke und Kleinkinder.

Nach dem plötzlichen Tod von Georg Wander reicherte sein Sohn Albert - ebenfalls Apotheker und Chemiker - das Nährmittel mit Ei und Milch an. 1904 kam dann die Ovomaltine erstmals auf den Markt - der Name war Inhalt: ein Mix aus dem lateinischen «ovum» für Ei und Malz.

Erfolgsrezept. Anfangs wurde Ovomaltine nur in Apotheken und Drogerien angeboten. Doch bald schon setzte ein Run auf die orange Dose ein. Speziell die Sportler griffen zu. Sie schätzten Ovo als Aufbaugetränk und wohlschmeckende Zwischenverpflegung.

Wurden 1905 noch 20 Tonnen (also 80 000 Büchsen) verkauft, waren es ein Jahr später bereits doppelt so viele. 1907 übertraf Wander erstmals die Produktion von 100 Tonnen Ovomaltine. Bald einmal wurde die orange Dose zum Welthit - und nicht nur in Sportlerkreisen. Zuerst expandierte Wander nach Italien und England - bereits 1913 wurde im englischen Kings Langley eine Ovomaltine-Fabrik gebaut. Um die Qualität der Zutaten zu sichern, besass die Firma auch eigene Eier und Milchfarmen.

Heute, 100 Jahre nach der ersten orangen Büchse, wird Ovomaltine in allen Erdteilen getrunken. Es ist in erster Linie das Getränk der Sportler geworden. 1967 hat Sandoz Wander übernommen - jetzt gehört Ovomaltine zur ABF (Associated British Food), einem der grössten europäischen Nahrungsmittelunternehmen.

Allerdings: Die Produktion des weltberühmten Pulvers ist noch immer vollständig auf die Schweiz (Neuenegg, [BE]) konzentriert. Immerhin sind es die Berner, die das Pulver erfunden haben ...

Soufflé glacé à l’Ovomaltine

Exklusives Rezept. Für ein Ovo-Rezept haben wir nun Basels Confiseur-Tausendsassa Thomas Beschlé angefragt. Der Zuckerbäcker, der seine Ausbildung in Paris bei Laduré absolvierte und sich in allen grossen Konditorenhäusern Europas durchbackte, liess sich von Wanders Pulver inspirieren - et voilà:

Zutaten:
4 Eier, 180 g Zucker, 50 g Ovomaltine, 5 dl geschlagener Rahm, feine Stückli von Choc-Ovo, Kirsch oder Grand Marnier (wers mag).

Für die Sauce: 2-3 EL Wasser, 75 g Choc-Ovo, 1 dl Rahm.

Zubereitung:
Eier und Zucker in der lauen Bainmarie schaumig rühren. Den Schlagrahm und die Choc-Ovo-Stückchen darunterziehen. Wer will kann mit etwas Kirsch oder Grand Marnier parfümieren.

Die Masse in Souffléförmchen abfüllen. Und Inhalt so gefrieren.

Vor dem Servieren eine Sauce aus in wenig Wasser aufgelöster Choc-Ovo und Rahm zubereiten. Und lauwarm zu den gestürzten Soufflés glacés reichen.

Bon appétit!

Rezeptkategorie: 
Freitag, 14. Oktober 2005