Von der Hure auf dem Dach und Eggnog

Donnerstag «DIESE VERFICKTE PENNERHURE!» Ich jage aus dem Schlaf hoch. War das Innocent? Sein Wortschatz? Er, der schon beim Ausdruck «SCHEISSE!» den Koller bekommt. Und bedauert: «Die Welt redet nicht mehr wie Goethe.»
«DU DRECKNUTTE!», höre ich ihn toben. Es sind die Medikamente. Ganz klar. Seit sie ihn im Spital einen langen Monat mit Antibiotika vollgestopft haben, wie die Mastgans mit Mais, also seither hat der Süsse einen Ton drauf, der die härtesten Gassenarbeiter umblasen würde. Es musste etwas in diesem intravenösen Cocktail sein, das immer noch sein Innerstes aufwühlt. Und ihn verbal vibrieren lässt.
«Birnen und Papaya»? das hat Doktor Zhu gesagt? «die zwingen alles Gift raus!» Doktor Zhu ist der Leibarzt von Liz Taylor, der kleinen Minelli und auch von dem österreichischen Kracher, den sie alle Terminator nennen. Und der in die Kennedy-Familie einheiraten musste. Jetzt ist er Gouverneur und kracht nur noch politisch. Mein Freund Arthur also brachte Nelken und Doktor Zhu mit.
Der chinesische Mediziner, der ganz Beverly Hills unter seinen goldenen Händen hat, knetete auch Innocent die Füsse: «Birnen und Papaya? kein Salz, keinen Rotwein und kein aggressives Deodorant... dann wird alles wieder werden. Seine Aggressivität hängt mit der ausgestandenen Isolation zusammen. UND BITTE: WASSER OHNE KOHLENSÄURE.»
Ach Gottchen. WASSER! So etwas trinkt er mir doch gar nicht. Das mussten sie ihm auch intravenös eingeben, damit er nicht zur Trockenpflaume wurde. Aber bereits am dritten Isolationstag hat mein lieber Freund nach der Flasche aus Bordeaux gerufen. «Ein Freudeli muss der Mensch doch noch haben...» Na gut. Da konnten wir ja nicht so sein. Und schmuggelten die Harassen in die Isolation.
Und nun also im Wortlaut: «SAUVIEH... ICH RUPF DIR ALLE FEDERN AUS!»
Ob ers mit einem Indianerhäuptling treibt? Leise pirsche ich mich unters Dach, wo Innocent seine Schlafstelle hat. Und nun anklagend zum kleinen Estrichfensterchen zeigt: «Hörst du sie? Das geht nun schon seit Stunden so. Sie holt das ganze Quartier ins Nest.» Ich höre nur Innocents Apnoemaschine.
Diese pfupft wie immer, ohne dass der gute am Schnorchel angeschlossen ist.
«Zieh den Rüssel über...», befehle ich geistesabwesend.
Alle näheren Beziehungspersonen zu Apnoemenschen werden mich verstehen. Die Apnoetiker pennen nämlich oft ohne ihren Rüsselschlauch ein. Und da ist es an uns, ihren Nächsten, sofort einzugreifen. Liebevoll wecken wir den Eingedösten.
«ZIEH VERDAMMT NOCHMAL DIE MASKE AN? SONST HÄNGST DU MORGEN WIEDER TOTAL DURCH.»
Innocent ist also maskenlos. Aber voller Elan.
«Weshalb hast du verlangt, dass ich meine Militärpistole abgebe? dieser gurrenden Drulla würde ich jetzt klar die Rübe abblasen...» Er schaut mich strafend an: «Lauf nicht mit nackten Füssen rum... und wenn du schon auf bist, kannst du mir einen Eggnog beseln...»
Das war auch so etwas. Als er im Spitalbett noch weit weg im Nirwana war und vom Fleisch zu fallen drohte, fragte ich ihn nach seinen besonderen Gelüsten. Neben Gummibärchen mit Cola-Geschmack und Schabziger-Aufstrich war Eggnog die heisseste aller Begierden. Aber natürlich kennen die Spitäler im Zeitalter der aalglatten Vitaminzäpfchen die stärkende Cognac-Zabayone nicht mehr. Also habe ich auch noch eine grosse Teigschüssel sowie einen Schwingbesen, frisch gelegte Eier und den Cognac der Familie Hennessy in die Isolation geschleust. Abend für Abend habe ich ihm das eischaumige Glück hochgerührt. UND NUN, WO ES IHM BESSER GEHT, MEINT ER, DIE SACHE MÜSSE ZU HAUSE WEITERGEBESELT WERDEN.
«Was ist eigentlich los?? zähle ich auf zehn und versuche mich ruhig einzubringen. «In aller Nacht rufst du nach der Hure des Quartiers und machst mir hier die Szene... meine Nerven sind auch am Ende und...»
«Eben», nickt Innocent. «... und Schuld daran hat diese verdammte Taube, die selbst bei klirrenden drei Grad minus den lauen Frühling spürt. DIES AUF MEINEM DACH! Nicht nur, dass sie alles mit ihrem Dreck vollkleistert... sie hat hier das reinste Bordell und lockt die Vögel aus der ganzen Regio an! Es ist, als würden sich Elefanten über mir paaren.»
SO EIN THEATER WEGEN EINES LIEBESTOLLEN BASLER DYBLI.
«Nimm den Hörapparat raus und wirf den Rüssel an...»? gebe ich den Tarif durch. Und werde ihm jetzt sofort eine Birne sowie ein Stück der Papaya schälen. Die zwingen ja? so Doktor Zhu? alles Gift raus.

Samstag, 6. Februar 2010