Kulturagenda

Kein Schwein fragt mich. Keine Sau will es wissen. Immer werden diejenigen gefragt, die in höheren Sphären atmen. Etwa staatlich beamtete Menschen, die genügend Zeit haben. Oder sogenannte Kultur-Tussis, wie meine Freundin Hanne-Käthi, mit der ich vor einem halben Jahrhundert im Oekolampad-Pärklein das Doktorspiel und «HÄSLEIN IN DER GRUBE» praktiziert habe.
Hanne-Käthi war nun wirklich die Doofnuss in Person. Sie wollte nie die schwangere Mutter sein, welche bei mir entbinden sollte. Sondern sie bestand auf der Schwesternrolle. Und ich hatte an Blinddarm zu leiden. Na, drei Mal dürft ihr raten, wo Hanne-Käthi meinen Blinddarm gesucht hat.
HEUTE IST HANNE-KÄTHI TATSÄCHLICH VERANTWORTLICHE IM KULTURBEREICH DER DIGITALEN KUNST! Dieselbe Hanne-Käthi, die beim «Gluggern» immer Zetermordio schrie, wenn sie verlor, referiert nun an der Senioren-Uni über die «Kunst in der Betrachtung einer Primzahlreihe?» UND WO IST DAS HÄSLEIN IN DER GRUBE GEBLIEBEN?
Entsprechend wird die Kulturtrine auch immer wieder von einschlägigen Redaktionen, die mit dem Gruben-Häslein auch nichts mehr anfangen können, angefragt. «Frau Hanne-Käthi? Ihren kulturellen Wochenkalender, wenns beliebt?»
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Zeit diese Leute, mit denen ich einst «Rund um die Welt, wer stupft» und «Halli Hallo» gespielt habe, für Kultur aufwenden.
Hanne-Käthi geht montags beispielshalber ins Kult-Kino, um sich einen raren Streifen über die Rolle des Hirtenhunds im Islam anzuschauen.
Dienstag: Besuch eines Vortrags über sphärische Begegnungen.
Mittwochs gibt sich Hanne-Käthi etwas lockerer? ein gemütlicher Abend mit Faust II in der Taschenbuchausgabe.
Donnerstag: die Ausstellung «Klare Form, klare Sicht» im Architektur-Museum.
Freitags gönnt sie sich ein lukullisch-kulturelles Schmankerl: makrobiologische Kost unter Berücksichtigung der thailändischen Fruchtpalette (Avantgarde-Kochkurs bei den IWB).
Samstag: Mitternachtsdiskussion auf der kleinen Bühne über «Theater? was nun?». Die Frage bleibt offen.
Und sonntags besucht sie ihre liebe Mutti, um sie nach Bern ins Klee-Museum zu entführen.
So stehts zumindest in der Zeitung. Wie ich aber die gute Frau Humpelmeier (die Mutter von Hanne-Käthi) kenne, würde diese ein Stück Baumnusskuchen mit doppelter Rahmportion dem Klee-Museum vorziehen. Aber natürlich sagt sie nichts. Frau Humpelmeier will ja nicht als Kultursau dastehen. Sie ist schon ganz happy, wenn ihre Tochter sie einmal im Jahr aus dem Altersheim rauskarrt. Mehr Zeit hat Hanne-Käthi eben nicht? man kennt ja ihren Kalender?
Wenn ich diese Kulturagenden der «Promis» in den verschiedensten Blättern jeweils lese, überfällt mich der Neid. Erstens, weil die da gefragt werden. Und zweitens, weil sie immer so viel Zeit haben. Wenn unsereins nach Kartoffelschälen, Posteinzahlungen übers Internet (www.postfinance.ch), Warteschlange bei Coop und Nachbleichen der persönlichen Leibwäsche (weil sie versehentlich mit einem vom Innocents roten Bettsocken gewaschen wurde und nun in Flamingorosa etwas arg süss aussieht); wenn unsereins also endlich die verkohlte Glasherdplatte mit «Krusta-weg» geputzt und den Weihnachtsbaum abgerüstet und entsorgt hat und dann einen Moment nachdenkt: «Und jetzt?»? Dann sitzen wir dann auch schon vor der Glotze und ziehen «Glanz und Gloria» rein!
O.k. Ich weiss, dass dies kein Kulturprogramm ist. Und auch das Tschau-Sepp-Kartenspiel mit unsern Freunden ist es nicht. Ganz zu schweigen von der «Glückspost» vor dem Einschlafen. Aber kein Grund zur Beunruhigung? unsereins wird ja nicht gefragt.

Montag, 7. Januar 2008