Zapfenzieher

Hildi packte das Geschenk aus.
«Meine Frau liebt es, Päckchen zu öffnen...», lachte Fritz. Und entkorkte? blubbb!? eine Flasche mit dem Eidechslein drauf.
«Ohhh», sagte Hildi.
«WOWWW!», staunte Fritz.
Max Iseli nickte stolz: «Es ist nicht einfach, jemandem etwas zu schenken, der schon alles hat!»
Hildis Augen verengten sich zu zwei Schlitzen. DANN NAHM SIE DEN ZAPFENZIEHER IN DIE HAND. UND RANG SICH EIN VERZWEIFELTES LÄCHELN AB: «Wunderbar!»
Es war ein Horrorschocker. Die metallene Spirale steckte in Kunststoff-Rebenholz. Im Griff funkelten die Grossbuchstaben: «JETZT IST DER ZAPFEN AB.»
Das war er wirklich!
«Ihr hättet uns nichts mitbringen sollen...»? Fritz füllte die kleinen Gläschen.
«Ach, ist nur ein Gag...», meinte Eva gutmütig. «Wir freuen uns schliesslich auch jeden Tag an eurem Strick-Hütchen!»
Das gestrickte Hütchen hatte Hildi damals an einer Tombola zugunsten hungernder Senegalesen-Kinder gewonnen. Es hatte die Farbe einer regenbogenfarbigen Schwulen- Bekenntnisflagge. Der frohbunte Zylinder sollte vornehm die Reserve-Klo-Rolle im Fond des Autos cachieren.
Hildi verpackte den Strickhut in Goldpapier. Und entsorgte ihn als Mitbringsel am Adventscocktail der Iselis.
Als die Gäste gegangen waren und der Zapfenzieher geblieben war, spie Hildi Gift und Galle: «Eine Unverschämtheit. Wie kann man nur so einen Greuel verschenken. Die Iselis wissen doch ganz genau, dass wir nur Alessi-Sachen haben...» «Vermutlich haben sie den Zapfenzieher auch an einer Tombola gewonnen», beruhigte sie Fritz, «leg ihn ins Horrorkabinett!»
Das Horrorkabinett war eine Truhe, in der das Ehepaar alle diese schrecklichen Geschenke aufbewahrte, die ihnen Grosskinder, Tanten und Freunde von Ferienreisen mitgebracht hatten. Es gab eine Plastikmadonna aus Lourdes? mit Weihwasser gefüllt? und Glimmersteine in Froschform, die je nach Wetterlage pink oder himmelblau anliefen. Dann war da eine zahnlose, warzennasige Alte, die auf Knopfruck hysterisch zu lachen anfing? und schliesslich der Münchner Mönch mit dem Bierkrug. Drückte einer den Humpen, öffnete sich die Kutte. Und der Mönch zeigte eine Hartgummi-Erektion...
«Wer erfindet nur immer solchen Mist?!», seufzte Hildi. Und dann: «Am Donnerstag ist Missionsbazar. Da können wir endlich unseren Horror für einen guten Zweck loswerden.»
«Den Mönch nicht! Den zeige ich immer an unseren Herrenabenden!», erhob Fritz sein Veto.
Als Hildi in der Bazar-Kaffeestube die Iselis am Kuchen sah, wurde sie von Panik ergriffen: WENN DIE NUN IHREN ZAPFENZIEHER BEIM ZWEI-FRANKEN-STAND ENTDECKTEN!
Sie jagte in die Fundgrube und wollte «JETZT IST DER ZAPFEN AB» zurückkaufen. Da entdeckte sie die Busers. Sie liessen sich eben das Ungetüm einwickeln.
«Glück gehabt!», erzählte sie daheim, «dein Chef hat aber weiss Gott einen fragwürdigen Geschmack...»
«Hmmm», murmelte Fritz hinter der Zeitung, «wir müssen die Busers aber wieder Mal zum Essen einladen!»
Drei Wochen später waren sie da. Mit Geschenk. «Meine Frau liebt es, Päckchen zu öffnen... und dann gleich noch zwei... Ihr hättet aber nichts mitbringen sollen...», so Fritz.
Hildis Atem ging in hektischen Stössen: «WUNDERBAR!»
Sie hielt das farbenfreche Klo-Deckhütchen in den Händen.
Als sie das zweite Pack in die Finger nahm, spürte sie auf Anhieb: JETZT IST DER ZAPFEN AB!
Später kam alles zum Mönch in die Kiste.

Montag, 31. Oktober 2011