Glossen

Pusteblumen

«Lass sie doch!» Silvia seufzte.

Jedes Jahr dasselbe Theater. Wenn die Frühlingssonne endlich den Rasen wärmte und die ersten goldenen Löwenzahn-Blumen wie vom Himmel gefallene Goldstücke im Grün funkelten – dann kam Arthur.

Er setzte seine spitze Schaufel an. Und packte das Übel bei der Wurzel.

Erschienen am: 
Montag, 24. April 2017

Das fliegende Ei

Lore äugte in die Konditorei-Auslage. Sie seufzte. Es war der schwere Seufzer der Frustrierten. Vor ihr wogte ein Meer an bunten Maschen. AN HERUMEIERNDEN OSTERFREUDEN.

Da und dort hoppelte auch ein Schokoladenhase. ABER DIE EIER! DIE EIER! Besonders das zartblaubeschleifte dort hinten! DAS MUSSTEN GUT drei KILOS SEIN!

Erschienen am: 
Montag, 10. April 2017

Herr Fritz

Karl schüttelte den Kopf: «Dass es so etwas noch gibt!» Er sass in einem der unzähligen, alten Wiener Cafés. Alles zeigte sich ein bisschen verstaubt: ausgebleichter Viola-Plüsch. Aber der Apfelstrudel kam ofenfrisch auf dem Teller. Er war mit einer Vanillesauce umflort, welche die Engel jauchzen liess.

Erschienen am: 
Montag, 3. April 2017

Einkauf

Natürlich. Sie standen Schlange. Bei Kasse 4 hatte einer einen Kilosack mit Zucker aufs Fliessband gestellt. Leider war der Sack gerissen und das Fliessband nun auf zuckersüsse Art blockiert. Bei Kasse 6 funktionierte das Lasergerät nicht. Es machte «Piiieeep». Gab aber bei allen Code­strichen immer nur 7 Centimes ein. Und «HERR JUHASZ – KASSE 6» – rief eine Mikrofonstimme verzweifelt.

Erschienen am: 
Montag, 27. März 2017

Die Stalkerin

Sie stand mit ausgebreiteten Armen da.

Ein bisschen wie dieser Herr Jesus auf dem Hügel von Rio.

Und sie lächelte. Freundlich. Lieb. Ein wenig verschmitzt.

(Dies alles nicht wie dieser Herr Jesus auf dem Hügel von Rio.)

Jens wusste nicht, was er tun sollte.

Erschienen am: 
Montag, 20. März 2017

Poesiealbum

Anna blättert im Album. Jesuskäfer tanzen auf dem Buchdeckel durch ein Veilchenbeet. Und «Vergis meinicht» steht in Goldlettern auf dem Samtumschlag. Das S hat die Zeit geschluckt. ­Die Erinnerungen nicht.

Erschienen am: 
Montag, 13. März 2017

Fasnacht ohne Betten

Der nette Mann schüttelte noch einmal den Kopf: «Es tut mir leid – ich habe hier keine ­Reservierung ‹Celine Huber›!»

SHIT. SHIT. SHIT.

«Aber Sie werden doch noch ein Zimmer frei haben?»

Celine schaute den Desk-Mann verzweifelt an.

Der seufzte ebenso verzweifelt: «In Basel ist ­Fasnacht, Frau Huber. Sie wissen gar nicht, wie viele Bebbi diesen

Erschienen am: 
Montag, 6. März 2017

Martha Kunzenstein

Martha suchte das Salz.

Es war wie verhext. Vor einem Monat noch war es bei den Suppengewürzen gewesen. Und jetzt kugelten hier Überraschungseier herum.

Martha äugte nach einer Bedienung. ABER ES GAB KEINE BEDIENUNG MEHR.

Das ältere Fräulein (sie bestand auf dieser Anrede) seufzte: Es gab auf dieser Welt überhaupt keinen Service mehr. Alles musste man sich selber organisieren: das Essen am Tresen… das Tram­ticket am Automaten. Wenn sie da an diese netten Trambilleteure von früher dachte… DAS WAREN NOCH MÄNNER GEWESEN. NICHT EINFACH SO GRÄSSLICHE BLECHKISTEN, DEREN FUNKTIONSGANG SIE BIS HEUTE NOCH NICHT KAPIERT HATTE.

Erschienen am: 
Montag, 27. Februar 2017

Der schwarze Mann

Louise hatte einen Koffer. Und ziemlich Mühe. «KEINER DENKT AN DIE ALTEN!» – knurrte sie.

Louise ist mit 88 nicht mehr taufrisch. Aber sie hält sich mit den «5 Tibetern» und Sanddorn­extrakt fit. Dazu abends: zwei Glas Wein. Früher war es nur ein Glas. Als ein TV-Report aber aufzeichnete, dass Wein nur Gutes tue, hatte sie die Ration sofort um das Doppelte erhöht.

Erschienen am: 
Montag, 20. Februar 2017

Schwieriges Alter

Er wurde schwierig. «Das Alter», seufzte Hilde. Und nahm Egon, der wieder mal wegen einer Bagatelle an die Decke gegangen war, in die Arme: «Ist alles okay, mein Schatz.» So beruhigte er sich schnell.

Egon war ein guter Ehemann. Nichts zu meckern. Er hatte Stil. Geist. Und Geld.

WAS WILLST DU NOCH MEHR!

Erschienen am: 
Montag, 13. Februar 2017

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