Glossen

Die Stalkerin

Sie stand mit ausgebreiteten Armen da.

Ein bisschen wie dieser Herr Jesus auf dem Hügel von Rio.

Und sie lächelte. Freundlich. Lieb. Ein wenig verschmitzt.

(Dies alles nicht wie dieser Herr Jesus auf dem Hügel von Rio.)

Jens wusste nicht, was er tun sollte.

Erschienen am: 
Montag, 20. März 2017

Poesiealbum

Anna blättert im Album. Jesuskäfer tanzen auf dem Buchdeckel durch ein Veilchenbeet. Und «Vergis meinicht» steht in Goldlettern auf dem Samtumschlag. Das S hat die Zeit geschluckt. ­Die Erinnerungen nicht.

Erschienen am: 
Montag, 13. März 2017

Fasnacht ohne Betten

Der nette Mann schüttelte noch einmal den Kopf: «Es tut mir leid – ich habe hier keine ­Reservierung ‹Celine Huber›!»

SHIT. SHIT. SHIT.

«Aber Sie werden doch noch ein Zimmer frei haben?»

Celine schaute den Desk-Mann verzweifelt an.

Der seufzte ebenso verzweifelt: «In Basel ist ­Fasnacht, Frau Huber. Sie wissen gar nicht, wie viele Bebbi diesen

Erschienen am: 
Montag, 6. März 2017

Martha Kunzenstein

Martha suchte das Salz.

Es war wie verhext. Vor einem Monat noch war es bei den Suppengewürzen gewesen. Und jetzt kugelten hier Überraschungseier herum.

Martha äugte nach einer Bedienung. ABER ES GAB KEINE BEDIENUNG MEHR.

Das ältere Fräulein (sie bestand auf dieser Anrede) seufzte: Es gab auf dieser Welt überhaupt keinen Service mehr. Alles musste man sich selber organisieren: das Essen am Tresen… das Tram­ticket am Automaten. Wenn sie da an diese netten Trambilleteure von früher dachte… DAS WAREN NOCH MÄNNER GEWESEN. NICHT EINFACH SO GRÄSSLICHE BLECHKISTEN, DEREN FUNKTIONSGANG SIE BIS HEUTE NOCH NICHT KAPIERT HATTE.

Erschienen am: 
Montag, 27. Februar 2017

Der schwarze Mann

Louise hatte einen Koffer. Und ziemlich Mühe. «KEINER DENKT AN DIE ALTEN!» – knurrte sie.

Louise ist mit 88 nicht mehr taufrisch. Aber sie hält sich mit den «5 Tibetern» und Sanddorn­extrakt fit. Dazu abends: zwei Glas Wein. Früher war es nur ein Glas. Als ein TV-Report aber aufzeichnete, dass Wein nur Gutes tue, hatte sie die Ration sofort um das Doppelte erhöht.

Erschienen am: 
Montag, 20. Februar 2017

Schwieriges Alter

Er wurde schwierig. «Das Alter», seufzte Hilde. Und nahm Egon, der wieder mal wegen einer Bagatelle an die Decke gegangen war, in die Arme: «Ist alles okay, mein Schatz.» So beruhigte er sich schnell.

Egon war ein guter Ehemann. Nichts zu meckern. Er hatte Stil. Geist. Und Geld.

WAS WILLST DU NOCH MEHR!

Erschienen am: 
Montag, 13. Februar 2017

Karl der Grosse

Er stahl. Nun ja – STEHLEN ist da ein grosses Wort. Er hatte ganz einfach einen an der Waffel – zumindest was diese Sache betraf. Ansonsten war Karl ein problemloses Kind. Zähneputzen, Hände waschen, Müsli essen – alles keine Sache. ABER DANN SCHLUG ER PLÖTZLICH ZU. – UND KLAUTE. Es war die Klauenseuche eines Kindes.

Erschienen am: 
Montag, 6. Februar 2017

Logistik

Er stand hinter ihr. Sie war gebückt. Aber sie spürte jedes Ausrufezeichen seiner Blicke im Rücken. Schliesslich hangelte sich Hannelore vom Geschirrspüler hoch. Waldemar schüttelte missbilligend den Kopf: «Du hast sie wieder falsch eingeräumt, Hannelore!»

Sein Gesicht war streng. Sein Ton nörglerisch. Alles in allem: EIN RIESENARSCH!

Erschienen am: 
Montag, 30. Januar 2017

Sonnige Mimosen

Sie sah die Mimosen. Sie standen auf einem kleinen Rolltisch vor dem Spitalzimmer. Und Ingrid ärgerte sich. Hatte sie nicht gesagt, man solle die Blumen nicht aus dem Zimmer entfernen!

Für Franco waren diese Blumen wichtig – ein Gruss aus seiner Jugend.

Erschienen am: 
Montag, 23. Januar 2017

Zwillinge

Sie waren Zwillinge.

UND DOCH SO VERSCHIEDEN!

Die Leute blieben vor dem Doppelwagen stehen: «…sie ähneln sich wie ein Ei dem andern…»

DUMMES GESCHWÄTZ!

Denn äusserlich sahen sich Marc und Hans wohl ähnlich – aber ihre Seelen waren so verschieden wie Weihwasser und Essig.

Hans war ein Sonnenschein. Mit den strahlenden Augen des ersten Frühlingstags.

Erschienen am: 
Montag, 16. Januar 2017

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