Weihnachtsblues

Liz stierte aus dem Zugfenster.
Seit einer Stunde standen sie nun blockiert auf diesem Geleise. Draussen schneite es tellergrosse Flocken. Die Scheiben waren übersät mit filigranen Eisblumen. Der Lautsprecher hatte «ein aufgerissenes Geleise» als Grund für den Halt durchgegeben. Und dies am Heiligen Abend! BINGO!
Der alte Mann mit dem schwarzen Bart vis-à-vis, der sie an einen Onkel oder Freund erinnerte (und beim besten Willen fiel ihr nicht ein, an wen) musterte sie freundlich: «Ist Ihnen kalt?»
«Nein!»? das war knapp. Und klar: KEINE UNTERHALTUNG BITTE!
Der Alte liess sich nicht beeindrucken: «Fahren Sie in die Skiferien?»
«Weg!», knurrte Liz. «Einfach weg von all dem Halleluja-Rummel!»
Der Mann nickte verständnisvoll: «100-PROZENTIGER WEIHNACHTSBLUES! Kenne ich. Den habe ich schon seit über 2000 Jahren!»? er lachte.
«Ich fahre in die Berge», hatte sie zu Hause ihre Absenz an der Tanne durchgegeben. Liz wollte sich dieses Fest im trauten Familienkreise nicht antun. Sie fühlte sich als Aussenseiterin, als Fremde in diesem Oh-du-fröhliche-Reigen. Sie war die Einzige, die immer aus dem Rahmen gefallen war: Kein Mann. Keine Kinder. Und ein brotloses Studium in Theaterwissenschaft. SIE WAR DER VERSAGER DER SIPPE! Natürlich würde das keiner in der Familie so aussprechen? aber nie fühlte sie es stärker als an diesem Heiligen Abend, wo ihre Schwester Ruth mit den Kindern am Baum Blockflöte spielte. Und ihre Mutter ihre Rührung ins Taschentuch trompetete.
Klar? sie liebte ihre Nichten und Neffen (und deren Handgebasteltes «Für Danti Liz»). Sie mochte ihren Schwager Max, liebte vor allem ihre Schwester Ruth. Die hatte nicht studiert. Sondern Hauswirtschaft gelernt. Max nannte sie stolz: «Mein Familien-CEO!»
Liz merkte plötzlich erschrocken, dass sie all diese Probleme ihrem Gegenüber erzählte: «... und deshalb habe ich gesagt: Diesen Heiligen Abend nicht das volle Gefühlsprogramm...!»
Wieder nickte der Alte: «Kapiere. Doch vielleicht sollten Sie es mal von der andern Seite sehen. Denen fehlen Sie doch. Sie gehören einfach zum Bild dieser Nacht, sind ein Stück der Familienidylle? ein Teil der Regie. Dies ist Ihnen vermutlich nicht bewusst...»
Der Mann hustete nun: «Ich glaube, wir kommen nicht mehr weiter. Wenn ich Sie wäre, würde ich jemanden anrufen, der Sie abholt. Wir stehen kurz vor Frutigen!»
UND DANN WAR DER ALTE VERSCHWUNDEN. Drei Stunden später sass sie im Auto ihres Schwagers. Der grinste: «... überhaupt kein MUSS, liebste Liz. Ich war froh, dass ich weg konnte. Bin überall nur im Weg gestanden...»
Als die Kleinsten dann vor dem Baum Blockflöte spielten, war es Liz, die ins Taschentuch trompetete. Ihre Mutter streichelte ihr die Hand. Und flüsterte: «Ich bin so froh, dass Du bei uns bist... Du hättest allen gefehlt!»
Liz spürte eine Wärme, einen Moment Glück? «... es hat grauenvoll getönt. Aber es gehört einfach dazu...», sagte nun Ruth und umarmte ihre Schwester: «Ich glaube, wir zwei sollten wieder mal ein Frauenweekend durchziehen... was meinst Du?!» Liz wischte sich die Tränen ab: «Bin dabei... schrecklich gerne!»
Und dann sah sie IHN: Er stand unter dem Baum neben Maria: JOSEPH. Er wars, an den sie der Alte im Zug erinnert hatte. Sie strich sich noch einmal über die Augen? irgendwie hatte dieser kleine Zimmermann aus Bethlehem tatsächlich die Hand erhoben, ihr zugegrinst und mit beiden Fingern das V-Zeichen in ihre Richtung gemacht. Sie halluzinierte, lachte plötzlich auf. Und streckte die Arme aus: «Kommt her, ihr Racker!»
Die Kleinen stürmten zu ihr. Jedes mit Handgemachtem: «Für Danti Liz.»

Montag, 24. Dezember 2012