Friedhof-Spaziergang

Sie schlenderten über den Friedhof.

Im Sommer, wenn die Sonne über der Stadt brütete, genossen sie den Spaziergang durch die Gräberreihen. Irgendwie vermittelten die Toten ihnen das Kühle zum Tag.

Walter stützte sich auf seinen Stock. Die Hüfte machte ihm zu schaffen.

Erschienen am: 
Montag, 28. Juli 2014

Von einem lauten Pianisten und «Netten Würgern»

Illustration Rebekka Heeb

«Sollten die nicht schon lange hier sein?!» – Innocent spielte an seinem Schlips. Dieser war rosa. Und sah aus wie das Halsgebinde vom aufgerüschten Osterhasen.

INNOCENT WAR SOMIT DAS RÜSCHENEI IM KUNSTGRASNEST.

Das Ei hatte keine Schokolaune. IM GEGENTEIL. DAS EINZIG ROSIGE WAR DER SCHLIPS.

Die herumwuselnden Kellner gingen ihm auf den Dotter: «Weshalb musst du auch immer solche Kästen aussuchen? Man benutzt hier die Finger nur noch, um Trinkgelder hinzublättern.»

Erschienen am: 
Dienstag, 22. Juli 2014

Nackte Tatsachen

Elsie schaute aus dem Fenster. Es goss aus Kübeln.

ES SCHÜTTETE BEREITS DIE VIERTE WOCHE!

Etwas schuldbewusst schaute sie auf Walter.

Der hockte vor einer dampfenden Tasse mit Milchkaffee. Es war das Einzige, das dampfte.

«Es soll mittags aufhören …», gab Elsie den Aufheller zum Tag durch.

«DAS SAGST DU JETZT SCHON SEIT 22 TAGEN – ELISABETH!»

Wenn Walter sie ELISABETH rief, bedeutete dies Gewitter.

Erschienen am: 
Montag, 21. Juli 2014

Von Mick Jaggers Besuch und seiner Flucht aus Rom

Illustration Rebekka Heeb

«I’M OUT!» brüllte die Stimme durch meine Römer Gegensprechanlage.

Eben noch döste ich auf meinem Sofa vor mich hin. Dankte Gott und der Welt, dass ich hier von der Hitze abgecoolt und voll klimatisiert ein Mittagspennerchen machen konnte. Ich hatte eben die Zeitung durchgeblättert. Und wieder stand – ausser dem Zetermordio wegen der italienischen Fussball-Pfeifen – nichts Gescheites drin. Nur: dass Mick Jagger schon vier Tage vor dem Concerto in diesem Privatjet mit der langen Zunge drauf eingeflogen sei.

Erschienen am: 
Dienstag, 15. Juli 2014

Der Hund

Der Hund sass am Rheinbord.

Er schaute ins Wasser.

Und zitterte.

«Er ist noch jung», sagte der Veterinär vom Tierheim.

Und streckte ihm einen Hundekeks hin.

Das Tier sah den Hundekuchen nicht an.

Der Hund verstand die Menschen nicht mehr.

Seit Wochen war er mit Karl herumgegangen. Karl hatte ihm jeweils die verlöcherte Wolldecke auf den Boden gelegt. Dann holte der abgemagerte Junkie die Geige aus dem Kasten. Und spielte für die Passanten.

Erschienen am: 
Montag, 14. Juli 2014

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