Vom Gang auf den Hügel und Wagner-Gips

Illustration: Rebekka Heeb

Innocent ist nicht heiss auf Bayreuth. ABER GAR NICHT!

«Alle diese aufgerüschten Dauerwellen. Und überall schleppen sich Schleppen an vollspeckigen Hintern botoxgespritzter Matronen.»

Innocent geht aufs Gas: «Dann diese U90-Mannschaft von Männern, die ihre ausgemergelten Hälse mit schiefen Schlipsen erwürgen: eine Mannschaft von asthmatisch keuchenden Pflegefällen, die vor der Ouvertüre auf dem Hügel ihre Orden aufpolieren. Ihr Höhepunkt ist, wenn sie ihr müdes Würstchen in Süsssenf tunken.»

Nun gibt er alles – und tönt lauter als die drei Rheintöchter: «… und über allem schwebt der Duft von durchgebratenem Schwein. Immer wieder flüstert der Sommerwind Erinnerungen durch die lindigen Äste aus jener Zeit, als der Schmalschnauzer-Dölfi hier noch die Cosima besuchte. Damals, als für die Bayreuther Sandsäcke alles noch eine heile Zeit war.»

Innocent hat sich in verbissene Rage geredet. Und endete seinen Auftritt mit dem Klageruf: «Jaaa – muss das denn sein?!»

JAWOLLL – ES MUSS!

Als die Wagner-Girls vor einigen Jahren den Dirigenten- und Führerstab in Bayreuth übernommen hatten, schickte mich eine Zeitung hin: «DAS GIBT EINE ZICKENSCHLACHT. DU BIST UNSER KRIEGSBERICHTERSTATTER.»

Nun gut. Ich liebe Zickenkrieg. Aber immerhin handelte es sich bei den Damen um die Erbinnen von Opa Wagner. Ihr wisst schon: der mit den lauten Opern. Und den dicken Sängerinnen. Aber bei so tosendem Hintergrund kann ein Schreiberling nicht einfach die beiden Weiber anzwitschern: «Hallöchen. Da bin ich. Und jetzt hustet euch mal aus, weshalb ihr einander an die Wäsche geht.»

Manchmal sind Redaktoren wirklich echt blöd.

Zwei Network-Freunde – und Networking heisst ja nichts anderes als Fäden spinnen –, zwei meiner alten Freunde machten es möglich: Sie kannten den Dietmar. Der ist Operndirektor in Berlin. Und Dietmar kannte die Katharina. Also spann er die Fäden nach Bayreuth. Bald schon rief er mich an: «Die beiden erwarten dich. Sie sind ein bisschen arg im Stress. Bring ihnen Schokolade mit. Und schicke Rosen. Das ist der richtige Takt bei der Familie Wagner!»

NA DANN.

Ich karrte also mit einer dieser ellenlangen Toblerone an. Die gleichnamige Schokoladen­fabrik muss sie für Dinosaurier und Zyklopen entwickelt haben: 9,6 Kilos am Stück. Jede Rippe hat die Grösse eines mittleren Einfamilienhauses. Und deckt den Kalorienbedarf eines Spitzensportlers für dreieinhalb Jahre.

Dann liess ich beim Bamberger «Rosenreserl» ein Bouquet mit 150 blutroten Baccara binden. Man hatte die Dornen entfernt – meine Geldbörse blutete trotzdem.

Als mich die Sekretärin der beiden Wagner-­Tanten empfing, schaute sie ziemlich zerknittert aus der Wäsche: «Die Frauen sind vergrippt. Eine hat die andere angesteckt. Jetzt tremolieren sie beide … ich sage Ihnen: Hier feiern wir jeden Tag grosse Oper. Auch hors Saison!»

Da stand ich also mit 150 Baccaras und diesem Ungetüm von Toblerone, auf welches die gute Sekretärin ein derart heisses Auge warf wie der Zyklop auf das Schiff von Odysseus: «Das sieht aber lecker aus.»

Ich konnte ja nicht gut mit all dem Gemüse in die Schweiz zurückreisen. Deshalb machte ich ihr die Freude. Und liess sie ins Schokoladenglück beissen. Die Rosen teilte ich auf: 75 an die eine, 75 an die andere Vergrippte.

So reiste ich wieder ab. Aber nicht ohne vorher noch das zauberhafte Palais des Markgräflichen Opernhauses auf mich einwirken zu lassen.

Es ist, als würde man eine Musikdose betreten.

Zu Hause bekam ich gleich zweimal Post. ­Einmal von der Redaktion: «HIMMEL – BIST DU EINE PUMPE!»

Und von den Damen Wagner: «Sie wunderbarer Rosenkavalier, haben Sie den Dank der beiden Genesenen. Im nächsten Jahr schicken wir Ihnen Karten.»

Unterzeichnet war die Karte von der Sekretärin. Auf der Unterschrift zeigte sich ein bräunlicher Fleck. Vermutlich der Rest von Toblerone.

Es gab natürlich kein nächstes Jahr. Und auch keine Karten. Immer war es nur Frau Merkel, die auf dem Hügel antanzte. Zusammen mit ihren Nobelwürstchen aus Bayern – der Basler Klöpfer war schlicht vergessen.

UND DANN DAS: BRIEF AUS BAYREUTH SEINERSEITS.

HERZGALOPP MEINERSEITS.

Die frohe Botschaft: «Ich werde demnächst technischer Direktor, hast du Lust, mal hinter Wagners Vorhang zu schauen!?»

Es war Res. Eigentlich Andreas. Adelsblütig aus Bern.

Res ist in Basel aufgewachsen. Und hat unter dem Network seines Protektors Paulchen Karriere gemacht: zuerst Basler Theater als Schreiner. Dann Berliner Oper als technischer Assistent. Châtelet-Opéra in Paris mit allem Pipapo – und jetzt also Bayreuth!

«Ja mein Resi», strahlte Paulchen am Telefon voller Stolz, als ich ihn anrief und fragte: «Was ziehe ich hinter der Bühne an?!»

Er überlegte kurz: «Die Stimmung ist einzigartig; überall lauert der alte Chef mit seiner Mähne und diesen sinnlichen Lippen, die schon den alten Ludwig wahnsinnig gemacht haben, übrigens meistens in Gips. Und Bronze.»

Ich kann ja nicht in Gips und Bronze kommen.

Nun wurde Paulchen sachlich: «Ach jerum – für den Weg hinter die Bühne reicht eine Latzhose. Aber nimm sicherheitshalber ein Nachthemd mit. Falls sie noch eine Walküre brauchen.»

Er kann recht fies sein.

In Bayreuth erwartete uns dann eine böse Überraschung.

«Wir wollen zu Herrn Res», sagten wir beim Künstlereingang. Und taten schaurig wichtig. So als müssten wir den Bühnenboden bohnern.

Das Männchen in der Portierloge kratzte an seinem weinroten Knollenzinken: «Da geht jetzt keiner rein; wir haben Bombenalarm, Sabotageakt …»

In diesem Moment kam eine aufgeregte Dame herbeigeeilt: «WAS IST HIER LOS? DA LEGT KEINER EINE BOMBE AUSSER MIR.»

Das Männchen nahm Stellung an: «Jawohl, Frau Generaldirektor.»

Da stellte ich mich ihr in den Weg: «Guten Tag – ich bin der mit den Rosen!»

Frau Wagner wischte mich auf die Seite, wie sie vermutlich das meiste Hinderliche auf dem Weg zum Erfolg weggefegt hat: «Ziehen Sie Leine!»

Gottlob huschte die Sekretärin hinter ihr her. Sie zog mich flüsternd weg : «Ich habe zwei Karten für den ‹Fliegenden Holländer›. Haben Sie Schokolade mit!?»

Und da stand dann auch der strahlende Res vor uns. «Hoschahoo – toll, dass ihr gekommen seid. Jetzt gehen wir zuerst mal auf den Hügel und ziehen ein Weizenbier rein!»

Er schaute auf meine Latzhose: «Beim ‹Holländer› ist Dresscode.»

Im Fundus fanden wir noch eine Hose vom alten Kaiser Ludwig. Und die vergilbte Baumwollbluse von Cosima.

Also Frau Merkel war auch nicht viel aufgerüschter…

Dienstag, 9. September 2014