Von Borgwards Flug durch die Matur und Apfelstrudel

Illustration: Rebekka Heeb

Bobbelchen flog durch die Matur.

Aber da war jetzt mal der Teufel los – kann ich Euch sagen.

ICH MEINE: JAMMERTAL… JAMMERTAL… UND DER FAMILIENCHOR MIT DER «Was werden auch die andern sagen?!»-SONATE.

Bobbelchen ist der Sohn meiner Patentochter Gundula.

FINDE ICH SCHON SO WAS VON FALSCH!

Nicht die Gundula. Die kann ja nichts für ihren verrückten Namen. Den haben ihre österreichischen Lederhosen-Züchter für sie ausgesucht. Und obwohl ich protestierte und erklärte, eine Gundula würde ich nie zum Taufbecken tragen, blieben sie stur wie Salzburger Geissböcke: «Das Gunderl haisst nun mal so – und dobai blaabts! Sonst schaiss drauffy!»

Gundula schenkte 21 Jahre nach ihrem persönlichen Taufgang einem gesunden Buben das Leben. So stand es zumindest in der Geburts­anzeige. Es stand auch: «Wir sind voller Freude, Euch die Geburt…» – ach Gottchen, Ihr kennt ­diesen Schleim.

UND DANN KAMS – «…des rundum wohl­geratenen BORGWARDS anzeigen zu dürfen!»

BORGWARD!

Ich rief sofort an: ob Gundula einen Altwagen geboren hätte? Aber sie lachte nur: «Ist doch nett, gell – und wie er strahlt; also Borgward strahlt seit dem ersten Schrei!»

Ich wusste, was das Leben für einen Namen wie «Borgward» bereit hielt.

NICHTS ALS ÄRGER. SPOTT. UND SCHAM.

Die Eltern merkten es auch bald. Und nannten den Jungen fortan «Bobbelchen».

ALSO DAS WAR DANN KEIN TAKT BESSER!

Oder könnt Ihr Euch vorstellen, dass für einen Jungen, den sie Bobbelchen rufen, die Welt in Ordnung ist? Eine Scheisswelt wirds. Und dies auch ohne Krieg und Bomben.

Und nun hatte dieses Bobbelchen, das mit so viel Lachen und Elan auf die Welt kam, den Alten die Arschkarte gezeigt!

Matur futsch. Skandal frappant. Alle Lehrer riesige Arschlöcher. Und: VERDAMMICH – WAS SOLLEN WIR JETZT TUN?

Gundula erinnerte sich, dass ihr alter Paten­onkel ja auch mal was mit Durchfall bei der Matur hatte – deshalb: «DU WIRST MIT IHM REDEN! ER WILL NICHT WIEDERHOLEN… KEINE SEKUNDE MEHR VERTROTTLE ER IN DIESER SCHEISS- SCHULE.»

Na gut. Ich bin immer für Gespräche von Mann zu Mann.

Also trafen wir uns in der «Kunsthalle». Und er bestellte Schnitzel mit Pommes. Dazu Ketchup.

«Das ist halt Bobbelchen», sagte ich entschuldigend zum Kellner, der leicht schaudernd eine Saucière mit Ketchup anschleppte.

«Also?» – fragend schaute ich Bobbelchen an.

Er sieht verdammt gut aus. Knallige 2 Meter hoch, Arme mit Muckis wie Parmaschinken und noch immer dieses Lachen, das seine Mutter bei der Geburt so glücklich machte.

DAMALS NOCH.

«Tschuldige mal» – er grinste mich an. Und schnappte sich das zuckelnde Handy.

«Hallöchen», sagte Bobbelchen. Und seine Birne glühte im Rot des Ketchups.

«…du, ich kann jetzt nicht… ja, beim Essen…ich dich auch… ganz fest… tschüssi.»

«TSCHÜSSI» ist für Jahrgänger 1947 noch schlimmer als Ketchup zu Schnitzel.

«Du bist verliebt!» – stellte ich sachlich fest. «SIE IST AFFENGEIL!», strahlte Bobbelchen.

Stille.

Und Jahrgang 1947 (ziemlich im Crescendo!): «DAS IST DOCH – SCHEISS NOCH MAL! – KEIN GRUND DIE MATUR ZU VERSIEBEN!»

Stille.

Schliesslich grinst mich Bobbelchen an: «Du hast doch auch alles hingeschmissen!»

Und da sagte 1947 das, was seine Jahrgänger immer wieder sagen: «ABER DAS IST DOCH ETWAS GANZ ANDERES!»

Klar habe auch ich damals die Matur vergeigt. Auch ich war erstmals so richtig verliebt gewesen. Nicht einfach Hoppel-Hoppel-Geschichten. Nein. Liebe mit dem ganzen Begleitservice: Herzklopfen… tanzende Schmetterlinge in den Därmen… und immer ein Kaugummi gegen Mundgeruch.

Und als mich der damalige Konrektor, den sie seiner wehenden Löffel wegen den «Ohren-Willi» nannten, aus der Aula abschleppte, da wusste ich: «DAS WARS DANN WOHL. ABER WIEDERHOLEN KOMMT NICHT IN FRAGE!»

Und «Haaalleluja!», jubelte die Elite, während die Aula-Türe hinter mir zukrachte.

«DU WIRST WIEDERHOLEN!», sagte ich zu Bobbelchen, «ich habe nicht wiederholt. Und dies ein Leben lang bereut.»

Das war nun ganz fett gelogen. Ich hatte es keine Sekunde bereut. Aber schliesslich sollte ich erzieherisch auf Bobbelchen einwirken – und seine Eltern waren gestraft genug. Deshalb: «Wenn ich damals wiederholt hätte, wäre ich heute vermutlich Professor an einer Universität oder zumindest an einer dieser Hochschulen, wo jetzt jeder Professor wird, auch wenn er Rhythmus ohne ein einziges H schreibt.»

Bobbelchen schaut mich misstrauisch an: «DAS MEINST DU JETZT ABER NICHT WIRKLICH?!»

Ich gebe auf. Ich bin zwar der geborene Lügner – aber bei jungen Menschen soll man sich ans Wahre halten. Deshalb: «Du hast recht, ich meine es nicht ernst. Aber die Frage bleibt: WAS WILLST DU TUN?»

Jetzt strahlt er wieder: «Ich will eine Familie gründen. Lore ist Kindergärtnerin; sie hat einen gut­bezahlten Job und…»

LORE?

BOBBELCHEN UND LORE?

Aus solchen Namen werden Horrorgeschichten gesponnen.

UND DAS HIER IST ERST DER BEGINN DAVON!

«Ich werde Hausmann sein. Und mich um die Kinder kümmern. Du weisst, dass ich gut kochen kann…»

Das weiss ich eigentlich nicht. Aber ich weiss, dass es keinen Sinn hat, jungen Menschen in ihr Leben reinzureden.

Irgendwie kratzen sie die Kurve immer.

Und Professoren gibts heute eh viel zu viele.

Schliesslich flüstert Bobbelchen: «Du wirst bald Ur-Onkel werden… LORE WILL DAS KIND. UND ICH AUCH. DIE ALTEN WISSEN NOCH NICHTS DAVON… VIELLEICHT KÖNNTEST DU MAL MIT IHNEN REDEN?»

Ich schweige. Schweige lange. Dann rufe ich nach dem Dessertwagen. Und schaue Bobbelchen eindringlich an: «Bei der Namenwahl des Kindes möchte ich aber ein Wörtchen mitreden! Klaro?»

Dann wählen wir vier Mal heissen Apfelstrudel mit Vanille-Eis.

Eine Nicht-Matur und Nachwuchs müssen gefeiert werden.

Dienstag, 2. September 2014