Von der Oase des «Taj Mahal» und Mumbais Würstchenmetzgern

Ok. Das «Taj Mahal» in Mumbai war ein «must». Natürlich musste ich Innocent hinprügeln. Und mir ständig das Lamento vom «Verarmen im Alter» anhören.

ABER WENN SCHON, DENN SCHON.

Und das «Taj Mahal» geht unter «denn schon».

Vor 40 Jahren habe ich es erstmals mit meiner Tante Hermine besucht. Sie reiste für Novartis nach Mumbai. Und das hiess damals noch ­Bombay. Und Novartis Sandoz.

Das «Taj Mahal», das um die Jahrhundertwende von einem der reichsten Inder als elegantestes Luxushotel der Welt gebaut worden ist (er setzte auch durch, dass das Hotel nicht nur Weisse, sondern erstmals in Indien auch dunkelfarbige Gäste ­aufnehmen konnte!) – das «Taj Mahal» also ist Geschichte und eine Oase in der Hektik des ­Alltags von Mumbai.

Auch heute ist dieser alte Palast mit seinem Garten, wo pechschwarze Krähen auf die Toastreste vom Frühstück lungern, eine Insel. Alles scheint wie vor 40 Jahren. Scheint. Denn in den Zimmern herrscht die Technik der indischen Neuzeit: die ganze Welt per Knopfdruck.

Ansonsten ist Mumbai dasselbe Menschenchaos wie das Bombay von damals: 22 Millionen Einwohner. Und die verrücktesten Gegensätze der Welt: Billionäre, die sich 23-stockwerkhohe Villen bauen lassen, um mit 140 Angestellten darin einsam zu leben. Vor dem Feudal-Haus schlafen dann Familien auf den Pflastersteinen, damit ihre Männer und Buben sich bei Tagesanbruch bei einer Baustelle für ein paar Rupien um Arbeit anstellen können.

Man hat uns «Madame Lisa» empfohlen. Sie soll den zwei Landeiern aus den Alpen das bombastische Bombay näher bringen.

«Madame Lisa» erscheint im blutroten Sari (und auch mit diesem blutenden Tagesglückspunkt auf der Stirn). Sie faltet die Hände. Deutet eine Verbeugung an. Und lächelt in herzlichstem Berndeutsch: «Es härzlich Willkchumme!»

Dann stellt sie sich als «Lyseli» aus Grindelwald vor. Sie sei Rezeptionistin im «Regina» gewesen. Habe sich in einen indischen Gast verliebt – «uu sythäär bin-y hie …», lächelt sie mit einer zweiten Verbeugung. Mehr gibt das indische Grindelwaldner-Lyseli nicht von sich preis. Mumbai hat die Schweizerin so geheimnisvoll gemacht wie die Sage um Shivas Lingam-Schrein und dessen Potenz-Mirakel.

Später führt sie uns zu den Sehenswürdigkeiten der fünftgrössten Stadt dieser Welt – das eindrücklichste ist wohl der grosse Frischmarkt. Früchte und Gemüse werden auch hier, wie auf arabischen Märkten, zu kunstvollen Türmen aufgeschichtet. Und schon winkt mir ein alter Mann zu. Während Innocent nach einem Deo-Roller sucht und somit Lyseli in Beschlag nimmt, folge ich dem Alten in immer dunklere Hallen. Es scheint, dass hier das herrliche Yasmin-Parfum Indiens die Stadt im Stich lässt – es stinkt bestialisch nach Fisch und überreifem Fleisch. An eisernen Stangen baumeln fliegen­umschwirrte Lebern, Lungen, Nieren von Schafen und Ziegen – Hufe liegen als dunkle Hügel auf dem Boden. Und auf einem Sack mit Knochen streiten sich die schwarzen Krähen um ein allerletztes Stückchen tote Ziege. Der Alte fragt mich, ob ich Lust hätte ein ­frisches Würstchen zu probieren?

Sein Sohn jagt undefinierbare Fleischteile durch eine vorsintflutliche Hackmaschine, die mit Benzin und Lederriemen auf wunderbare Weise zu funktionieren scheint – der Inhalt kommt gräulich auf eine verrostete Blechplatte und wird in Därme abgefüllt. Die Würste liegen daneben auf einem Rost mit glühenden Kohlen.

UND DA MUSS ICH NUN DURCH. DENN TANTE HERMINE HAT SCHON DAMALS GESAGT: «Jede Abweisung in diesem Lande ist eine Beleidigung an die Menschen – die Inder haben lange genug Abweisungen erleiden müssen …»

Ich kaue das Würstchen durch. Und hoffe auf die weisse Pille, die Innocent mir jeden Morgen mit mahnenden Worten eingibt: «Sie ist das Kondom des Magens – also: IMMER MIT!»

Das Würstchen, bei dem der Geschmack an Kreuzkümmel und Curry vorherrscht, schmeckt gar nicht übel. Aber schon flattert wie ein aufgeschrecktes Huhn das Grindelwaldner Lyseli herbei: «ICH HABE IHNEN DOCH GESAGT, IMMER BEI FUSS BLEIBEN!»

Lyseli schaut nun nicht mehr so indisch ausgeglichen auf die Wurst und mich: «Da holen Sie sich aber zünftig den ‹Tout-de-suite› – das kann ich Ihnen garantieren. Dann ist es sofort aus mit der weissen Leinenhose am Arsch!» ABER HALLO – DAS GIFT DES OBERLANDS IST AUCH IM INDISCHEN UNTERLAND AN LYSELI ­HÄNGEN GEBLIEBEN.

Innocent schwenkt glückselig einen Deo-Roller von MUMM: «Schau mal, 30 Centimes, dreissig! Du glaubst es nicht. Und ein Nagelscherlein kostet 20 Centimes!» Er hat schon 12 davon. ABER DER TIEFSTPREIS IST STÄRKER ALS ALLE VERNUNFT.

Lyseli führt uns dann zur Strassen-Wäscherei, wo rund 8000 Waschmänner täglich Leinen und Baumwolle der mumbaischen Mittelklasse-­Haushaltungen schrubben.

Die Wäscher – sie heissen hier «dhobis» – holen Hosen, Leintücher oder Hemden zu Hause ab. Waschen sie hier an diesen 500 Steintrögen. Dann wird alles aufgehängt und gebügelt. Und in Baumwollsäcken verpackt wieder zurückgebracht – Lyseli ist stolz auf das Waschsystem ihrer Zweitheimat. Und ergänzt: «Natürlich haben die meisten mittelständischen Familien zu Hause eine Waschmaschine. Man gibt den Waschmännern nur die ‹alten› Sachen. Denn von 100 Dingen, die du zum Waschen gibst, kommen nur 99 zurück – das ist immer so. Und keiner sagt etwas dagegen …»

Dann führte uns ihr Chauffeur zu den Totentürmen der Parsi. Sie lagen in einem prächtigen Park, verborgen hinter alten, riesigen Bäumen: «Wir nehmen hier Abschied von unsern Toten. Die Leichenmänner bringen sie in den Turm – die Geier tun den Rest. Und später brennt die Sonne die Knochen zu Pulver …»

Ich schaue zum Himmel. Kein Geier in Sicht – und dies obwohl die zwei Schweizer Touristen ein vielversprechendes Picknick wären.

«UND DIE HEILIGEN KÜHE?» – schlägt Innocent thematisch einen U-Turn.

«Die sind in Mumbai verboten», sagt Lyseli. Und dann etwas bissig: «Oder sie kommen in Form extravaganter Touristen, die immer alles besser wissen wollen …» Wie gesagt: Der alte Giftzahn aus Grindelwald überlebt auch in Mumbai.

Ehemals Bombay.

Dienstag, 25. Februar 2014