Von der Wildsaujagd und guten Vorsätzen

Mittwoch - Hugo schmollt. Immer, wenn er bei «Tschau Sepp» rückwärts macht, hat er einen dicken Hals.

Innocent ist das Resultat gleichgültig. Er bekommt nach dem dritten Grappa eh nichts mehr mit. Aber den Dummen gibt ERs im Schlaf. Innocent ist gespickt mit Bauer und Ass wie Tante Huldis Braten mit den Speckwürfeln. Das macht den trockenen Hugo nur noch madiger.

Innocent hat bereits das selige Grinsen des fünften Grappas auf den Lippen - «Tsauuuu Ssssepp», hickst er in Freude und spuckt die Mandarinenkernchen wie eine Ladung Schrot über den Tisch.

«Das iss ja eklig - EKELIG!», tost Hugo mit seinen hervorstehenden Augen. Rasch lässt er einen gehamsterten Bauern unter den Tisch fallen. Der würde nämlich das Doppelte zählen. Maria und ich sehen es. Aber wir bleiben Dame. Immerhin hat man uns die Schiefertafel anvertraut. Und so schreiben wir alternativ die Punkte der Spieler auf. Und kommen auf diesem Weg zum Sieg. Einmal ich. Einmal sie. Denn: Wer schreibt, gewinnt. Das ist nicht nur im Journalismus so...

Donnerstag - wie die Tenöre eines Wagner-Chors sind heute die Jäger über die Insel gerollt. Alle grün wie Galle. Alle mit geladenen Riesen-Jeeps, geladenen Flinten und überhaupt geladen auf diese tierische Welt. Jeder der Grünkappen hat diesen kernigen «Jetzt-pfeif-ich-der-Sau-mal-ein-paar-Kugeln-in-den-Schinken»-Witz drauf, welcher diese Männer so liebenswert macht.

Wer eine Wildsaujagd auf unserer Insel miterlebt hat, trinkt keinen Jägermeister mehr. Die Hunde heulen wie in einem schlechten Gruselfilm. Und Innocent meint noch immer, es sei der Grappa in seinem Kopf. Aber es sind diese jaulenden Waldis und unsere Wildschweine, die sich todesmutig in die Hauer lachen.

Augusto ist unser Nachbar. Auch Jäger. Am liebsten auf Enten in Castros Land. Ich vermute sehr, wenn er da mit seiner jagenden Berlusconi-Meute in Kuba unterwegs ist, dass die Enten nicht das Einzige sind, das dort gejagt wird. Jedenfalls bringt er seiner Frau immer ein gesticktes Tischtuch, mir ein paar handangedrehte Zigarren und sich selber den Tripper heim.

Von bleibendem Wert ist nur das Tischtuch. Es kommt immer an Weihnachten zu Ehren. Zwar wird es nicht aufgedeckt, aber herumgezeigt: «Eccola - das hat mir Augusto aus Kuba mitgebracht.»

Dieser kratzt sich stolz am Schlitz: «Ebe Donatella...» Und die Runde lächelt geniert und fragt sich, weshalb sie denn das viel zu harte Steak auf einem Plastik-Set reinzwitschern muss. Dieser Augusto bringt nun die Sau nach Hause. Er hat sie mit 120 Schüssen durchsiebt, so dass sie aussieht wie ein schweinischer Riesen-Donald-Burger. Die Jagdkollegen sind stolz auf Augusto und ziehen immer wieder den Flachmann, um ihn hochleben zu lassen.

«Eviva Augusto», brüllen sie und machen mit beiden Händen das V-Zeichen, das sie Churchill abgelinst haben. «Eviva!» Dann wird der Ruf runtergespült und dort wo die Sau gelegen hat, ist nun eine dunkelrote Lache. Dabei heisst es immer: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

GILT NICHT AUF DER WILDSAUJAGD!

Silvester - Innocent steht in seinem Nachthemd vor meinem Bett. Das Hemd ist einfach zu kurz. Mit seinen dünnen Beinchen und dem Bauch, den er steil nach vorne herausstreckt, so wie die Titanic den Bug vor dem Untergang, also mit seinem flanelligen Chanel-Outfit sieht er aus wie Twiggy, die eine Kanonenkugel verschluckt hat: «Ich habe einen guten Vorsatz gefasst...» Oh Gott!

«Den Vorsatz schenk ich dir - bring mir einen Kaffee ans Bett, wenn du Gutes tun willst!»

Nun zittert sein Magerbeinchen und die Wampe bebt, wie damals, als das grosse Erdbeben über Basel kam: «Ich leiste mir künftig statt des Kalterers einen Beaujolais zum Nachtessen - was sagst du jetzt?»

«Ich kaufe Weinaktien im Burgund.»

Früh morgens hat er seinen Hörapparat sowie die Ironie-Filterung immer auf «out» gestellt. Und so wird er gleich zickig: «Du kannst immer nur Witzchen reissen - es würde dir nichts schaden, am Silvester auch einen guten Vorsatz zu fassen und...» Okay. Dann hole den Kaffee eben ich.

Und im Übrigen: «Ich werde um Mitternacht mit dem Rauchen aufhören!» Daraufhin er: «Ich verkaufe alle meine Marlboro-Papiere...»

Montag - und was muss ich am dritten Januar in GROSSBRÜLLLETTERN im Zeitungsaushang lesen? «RAUCHER KOSTEN UNS DREI MILLIARDEN JÄHRLICH.»

Aha. Und die Kaugummikauer, welche unsere Trottoirs und meine Schuhsohlen ruinieren?

Und die stets mineralwassernuggelnden Frauen im Dreiertram, die unsere Quellen austrocknen?

UND WAS IST MIT DEN SCHNAPSDROSSELN UND IHRER GANGLIENREPARATUR?

HERRGOTT HABE ICH MICH WIEDER AUFREGEN MÜSSEN. Deshalb: Griff zum Stängel. Und Feuerzeugschnappen.

Muss sich keiner wundern, dass gute Vorsätze immer ein ganz kurzes Data haben.

Dienstag, 4. Januar 2005