Vom Parfum und einem Traum mit Bienenstich

Donnerstag «Das Parfum!»? flötete Onkel Nudelstadt am Telefon.
Die Nervensäge hat mich aus dem süssesten Traum gerissen. Ich war in Bienenstich gebettet. Wo ich hinbiss: SÜSSES PUR. DAZU MIT FÜLLUNG!
Und das Heisseste: «Über mir schwebte als zartrosiger Wolkengeist meine liebe Kembserweg-Omi, die mir schon als Kind Omelette-Soufflée souffliert hatte. Sie lächelte gütig. «ISS MEIN KIND? DAMIT DU GROSS UND STARK WIRST!»
Abrupt wurde ich aus der dottergelben Vanillefüllung und den Mandelsplittern, die golden glänzten (denn einfallsreiche Menschen träumen farbig, wie mir Doktor Divan, der begnadete Seelsorger nach der vierten Finde-dich-selbst-Sitzung souffliert hat)? abrupt wurde ich also aus all den pfludderweichen Herrlichkeiten gerissen, die geträumt umso fantastischer sind, weil sie in diesem Zustand keine Kalorien haben: «DAS PARFUM! DEIN ONKEL ERWARTET DICH IN GRASSE!»
VOLLGRASSES ERWACHEN ALSO.
«Was will der alte Stänkerer?»? nuschelte Innocent verschlafen. Er kam mit seiner Sauerstoffmaske ins Rotieren, weil sich der Schlauch verhedderte und sämtliche Mücken direkt in die Nase hooverte.
Mein Freund bekam einen Hustenanfall, spuckte Mücken und Unschönes wie ein Sprühregen? und ich dachte an meine Freundin Bea, die noch am Tag zuvor ins Telefon geneidelt hatte: «Du hasts gut. Unsereins hockt hier an abstürzenden Computern und hat das Augentränen wie bei?Sissi 2?. Und du liegst unter den Olivenbäumen und sonnst den fetten Ranzen!»
NA DANKE.
Ich würde hier auf dieser abgeschiedenen Insel gerne mal eine Sekunde Ruhe erleben. ABER NEIN. Hornissen umsurren dich wie Kampfbomber das zu zerstörende Ziel. In der Nacht hat eine galoppierende Herde Wildsäue einmal mehr Sugo aus meinen Tomaten gemacht. Und den Zuckerguss schenkt mir Gianni mit der Behauptung: «Keine Oliven dieses Jahr? alle Bäume sind krank!»
DIE BÄUME SIND PRALLVOLL MIT VIOLETTEN FRÜCHTEN IN DER FORM VON KINDERÜBERRASCHUNGSEIERN.
Mit andern Worten: Gianni geht wieder mal fremd. Er arbeitet bei der Amerikanerin, die sich von ihm einen Rosenpavillon bauen lassen will. ROSEN!! DIES IN EINER GEGEND, WO SELBST DIE SILBERDISTELN NACH WASSER DÜRSTEN WIE DER LEIBHAFTIGE NACH EINER FROMMEN SEELE!
Innocent hat sich der Sauerstoffmaske entledigt. Er sieht aus wie ein Taucher, der eine zu enge Schnorchelbrille getragen hat? sein Kopf hat nun die lustige Musterung eines Stinktiers. Und so benimmt er sich auch: «Du wirst immer fetter... hör? endlich auf, Tonnen von Pasta reinzustopfen!»
Ich schmolle stumm.
Dann rufe ich Onkel Nudelstadt zurück: «Mir ist nach einer Luftveränderung... da kommt mir dein Parfum gerade recht!»
«Die Reissssse bezzzzzahlsssst du aber selber...», gibt Innocent den Tarif durch. Er vibriert. Die elektrische Zahnbürste ist der moderne Vibrator für das Amalgam einer verlöcherten Zeit.

Mittwoch «Das Parfum...», seufzt mein Onkel. «Was für ein wunderbarer Film? auf diesen Feldern wurde alles gedreht...»
«Blödsinn», bringe ich Sachlichkeit ins Geschwärme. «Hier ist jedes Feld überbaut. Und die Parfums werden synthetisch hergestellt.»
Mein Erbonkel zieht einen Flunsch: «Dir kann mans aber auch gar nie recht machen... immer hast du etwas rumzunörgeln... typische Journalistenkrankheit... weshalb könnt ihr die Welt nicht einmal in positiven Duftnoten sehen!»
Schliesslich tätschelte mir Nudelstadt den Arm: «... ich führe dich nun zu so einem Parfummacher wie im Film und...»
Der Parfummacher entpuppte sich als Grossfabrik. Autocars spuckten davor Touristen aus wie die Popcornmaschinen die Maisflocken.
«Du darfst dir ein Parfum aussuchen...», strahlte der Onkel gönnerhaft.
Ich nahm «Espérance». Es duftete altertümelnd nach Lavendel und Veilchen.
Die Verkäuferin, eine dralle Blondine aus Tschechien, rümpfte die Nase. «Das nehmen alle Tucken...»
Manchmal ist es im Leben besser, den Bienenstich aufzuessen und weiterzuträumen...

Mittwoch, 18. Oktober 2006