Von der Power-Lounge in New York und Muuusli Number One

Donnerstag - Die Receptionistin trägt ein schwarzes Tailleur mit weisser Bluse. Überdies trägt sie dieses strahlende Zahnweiss, das frau nur in einem Land der Nichtraucher losblinken lassen kann.
Mit ihren manikürten Krallen zupft sie meine Mail-Bestätigung aus dem Pass: «WELCOME IN NEW YORK, LOVE!»
Schliesslich schiebt sie mir ein Anmeldeformular hin: «Bitte drei Mal unterschreiben.»
Mit der ersten Unterschrift erkläre ich mich einverstanden, bei Rauchen im Zimmer eine Strafe von 200 Dollar zu blechen. Mit der zweiten: 400 Dollar - so ich heimlich ein Tier mit aufs Zimmer nehme. Und mit der dritten: Wenn etwas gestohlen wird, haftet keine Sau - is this o.k. for you?
IST ES NICHT.
Aber ich will schliesslich nicht im Park übernachten. Und Ed, ein tellerwaschender Student aus der Bronx, den ich vor 40 Jahren mal im Adelbodner Hotel Adler rumgekriegt hatte, ist auf seine alten Tage ins Kloster gegangen. Das Kloster liegt irgendwo auf Long Island und hat Gästezellen - DAS DANN DOCH NICHT, NEIN DANKE!
Deshalb: «Ich bin mit allem einverstanden, hieven Sie mich hoch!»
Das tat dann der Lift und sein Boy, ein pillbeboxter Mexikaner, der wie ein livrierter Koalabär aussah: «Wenn Sie rauchen wollen, Love - dort ist eine Raucherecke!» Er zeigte in den Hof. Zwischen gigantischen Abfallkübeln und Bergen mit durchgenächtigter Bettwäsche stand ein paffendes Grüpplein und grinste mir winkend zu.
RAUCHER SCHMECKEN EINANDER.

Mittwoch - «? Du musst unbedingt zum Frühstück in die Power Lounge!» Das war Arthur. Arthur kennt den Big Apple aus dem Effeff. Und Arthur kennt die Geschäftswelt. «Das Ganze liegt gleich bei deinem Hotel. An etwa einem Dutzend Tischen sitzen die Finanzgrössen dieser Welt - Trumps, Rockefellers, na ja, die ganze Korona. Da werden vor einem Dreiminutenei mehr Milliarden verschoben, als an der Börse.»
ICH ALSO NICHTS WIE HIN!
Tatsächlich stehen die Leute beim Restaurant schon Schlange.
Insgeheim rümpfe ich die Nase: «Also wenn die Finanzwelt dieser Erde so aussieht - na danke: Schwaden von gebratenem Speck schwängern die Luft. UND SPIEGELEI MIT PAPIERSERVIETTE! Dies im Land, das uns Kultur lehren will.
Immerhin wird der Besucher sofort mit einem Kübel Eiswasser begossen - die schwarze Zweizentnerfrau hält den Block gezückt. «Omelette, Number 89? bacon and eggs, 134? sunnyside-up 120? some Beagles 100? Muuusli Number 1?»
ACH KINDER, WENN DOCH DER GUTE ALTE BIRCHER-BENNER NOCH HÄTTE ERLEBEN DÜRFEN, DASS EINE SCHWARZE FRAU SEIN MILCHIGES MÜESLI ALS «MUUUUSLI» NUMMER 1 ANFLÖTET. UND DAS MITTEN IN DER GELDSCHLEUSE DIESER WELT!
Ich bestelle einen Espresso und trockenen Toast - ernte dabei einen ebenso trockenen Seufzer: «That?s all, dear?»
«Yes, sweetheart, ich bin nicht der Rockefeller», schleime ich zur Servierkraft. Denn Arthur hat mich vor den Preisen in der Power-Lounge gewarnt - sie seien so scharf, wie chilenisches Rührei, Nummer 153.
Ich äuge herum. Nein. Paris Hilton ist nicht hier, obwohl sie das Tagesgespräch in den amerikanischen Medien ist. Als Frankreich den Präsidenten wählte, war dies in den USA unter «Sex and Crime» mit drei Zeilen vermerkt - aber dass die stockbesoffene Hilton wegen Fahren am Steuer nach Sing-Sing soll, da brodelt das Land!
Diese Power-Leute sehen hier eher wie Normalbürger aus - die Damen mit engen Jogginghosen, so, als hätte Christo den Eiger verpackt. Und die Männer mit losem Beinkleid unter dem, wie wir alle wissen, alles noch loser hoseflattert. (Amerikaner lieben den Swing).
Die Rechnung kommt mit dem Toast - 2 Dollar und 10 Cent. ALSO DA KANNST DU NICHTS SAGEN! DAFÜR POWERT BEI UNS NICHT EINMAL DIE GASSENKÜCHE.
Ich gehe auf einen netten Mann zu, der ein Goldarmband und einen Brillantring trägt: «Hello - Greetings from Arthur!»
«Ohhh?», strahlt er und lässt ein Stück vom Ei auf die Krawatte fallen. «Oh - good, old fellow?»
Ich rufe später Arthur an. «Der Espresso war fad, der Toast weich - aber der Preis total o.k. Und Herrn Trump habe ich von dir gegrüsst? er liess vor Freude sein Ei fallen?»
Arthur hüstelte: «Dann wars nicht Trump. Er isst nur Muuusli?»

Freitag - «Du Dummi. Das war doch nicht die Power-Lounge», ereiferte sich Innocent, den ich zeitverschoben aus dem Schlaf geschellt hatte. «Du warst in einem hundsgewöhnlichen Coffee-Shop. Die Power-Lounge ist an der andern Ecke der Strasse? beim Regency.»
Na ja - mir ist das Ganze von Anfang an ziemlich speckig vorgekommen. Deshalb neuer Anlauf zur alten POWER-LOUNGE.
Eine Dame, die bereits zum Frühstück ein Abendkleid trägt, lässt mir ihre neusten Implantate entgegenfunkeln: «Your Name, Sir?»
«I?m Minu», sage ich. Und betone es «Mainjuuu».
Wieder bleckt sie die Zähne: «Oh - are you the man for the water-closet?»
Ich war nicht der Klempner. Und jemand anderer wurde auch nicht zugelassen. Aber für einen kurzen Moment habe ich das Geld dieser Welt gerochen. Und es lag kein gebratener Speck in der Luft?

Donnerstag, 7. Juni 2007